Sunday, June 22, 2008

Nachts am Kontrollpunkt

Zwei Uhr dreißig
Samuel steht jeden Morgen um zwei Uhr auf und geht zum Kontrollpunkt, zum Grenzübergang zwischen Bethlehem und Jerusalem. Er will unbedingt unter den ersten sein wenn das Tor geöffnet wird. Wenn er kommt, sitzen schon ein halbes Dutzend oder mehr Männer vor dem Eingang der Kontrollanlage. Sie haben sich Kartons mitgebracht, zum Teil neben den Müllbehältern aufgelesen, darauf sitzen sie, zwei von ihnen haben sich auf Pappe gelegt und mit Pappe zugedeckt, es sieht aus wie ein Pappsarg. Darunter schlafen sie. Aber sie werden unter den ersten sein, die um fünf Uhr in die Kontrollanlage eingelassen werden. Es ist ruhig um diese Zeit. Die großen Lichtstrahler, die 9 Meter höher oben auf der Mauer angebracht sind, sind noch nicht eingeschaltet. Und der Wind, der vor Sonnenaufgang aufkommen wird, ist auch noch still. Alle paar Minuten kommen mehr Männer, setzen sich oder lehnen sich an die stählernen Gitterstäbe, die hier den 300 Meter langen Käfig bilden, durch den die Männer jeden Morgen geschleust werden. Ab und zu leuchtet ein Feuerzeug auf und Zigarettenrauch weht herüber.

Samuel
Samuel wohnt in einem Dorf nahe bei Herodion, südöstlich von Bethlehem. Es ist zu weit, um jeden Tag mit dem Taxi zu fahren, viel zu früh für eine Buslinie. So schläft Samuel bei einem Bruder in Bethlehem und läuft jede Nacht zum Kontrollpunkt. Seine Familie sieht er, wenn es gut geht, nur am Wochenende. Er hat keine feste Arbeit. Er muss sich an die große Kreuzung in die Gilo-Siedlung stellen und warten, ob ihn jemand für den Tag anheuert. Wie lange steht er dort? Bis 9 Uhr, danach hat er keine Chance mehr, angeheuert zu werden. Und dann fährt er auch nicht gern nach Hause, weil er der Familie kein Geld und nichts zu essen bringen kann. Hat er eine Arbeitserlaubnis? Ja, aber die läuft am Ende der Woche ab. Danach, hofft er, kriegt er eine neue, beantragt ist sie schon; aber es wird schwer, weil er keinen festen Arbeitsplatz hat. Samuel hat drei Kinder, einen Jungen und zwei Mädchen. Der Junge bereitet sich auf die Oberschule vor. Wenn er es schafft, kann die Familie in einigen Jahren auf ein besseres Einkommen hoffen.

Die Frauen
Samuel ist sicher nicht allein mit dieser Geschichte. Aber er kann Englisch und kann uns deshalb seine Geschichte erzählen. Unterdessen ist es 3 Uhr 25 und die ersten Frauen kommen durch die Gitterschleuse zum Eingang. Sie setzen sich innerhalb der Mauer, in den kleinen Raum, der zwischen Mauer und dem ersten Durchgang liegt. Hier wird später der Wind noch kräftiger wehen, aber Frauen halten sich in der Regel von Männern getrennt auf. Sie kommen jetzt schon, weil sie später kaum eine Chance haben, sich durch die Reihen der Männer zu schlängeln, die dann dicht gedrängt in dem etwa einen Meter breiten Gang stehen. Frauen müssen vorgelassen werden, sie dürfen nicht in eine Situation gebracht werden, wo Männer sie berühren. Na – und das ist in diesem Kontrollpunkt schwer durchzusetzen. Gegen vier Uhr dreißig werden es etwa 15 Frauen sein, danach haben sie etwa eine Stunde lang keine Chance mehr, durch diesen schmalen Schleuse durchzukommen. Fünf Minuten nach vier Uhr kommt ein Soldat und befiehlt den Frauen, diesen Raum diesseits der Mauer zu verlassen. Sie ziehen sich still ein bisschen zurück, einige argumentieren mit dem Soldaten. Der merkt irgendwann, dass er sich nicht durchsetzen kann und zieht sich zurück. Die Frauen setzen sich wieder auf ihren Karton, still, um keinen Anlass für die Durchsetzung der Forderung zu geben.
Wir stehen auf der Bethlehemer Seite der Mauer. Auch hier ist das Schleusengitter etwas verbreitert und bisher ist es auch hier ruhig. Unten, wo der Gang beginnt und die neutrale Beschilderung „Eingang“ angebracht ist, wird es lauter. Taxis kommen an und die Männer fangen an zu streiten.

Das Morgengebet
Aber ich muss einige Minuten zurückgehen, um von dem Gebet zu erzählen. Schon viertel nach drei Uhr hatte ich einen Mann gesehen, der zwischen den Sitzenden aufgestanden war, um sein Gebet zu beginnen. Später, drei Uhr fünfundfünfzig, mit den Rufen der Muezzin von den nahen Minaretten Bethlehems, stehen alle Männer auf. Sie beginnen das Gebet, jetzt gemeinsam. Sie reinigen symbolisch Augen und Ohren, gehen auf die Knie und beugen sich nach vorn, der schmale Gang erlaubt es nicht, mit der Stirn den Boden zu berühren. Sie verharren, ich höre aus der Mitte des umgitterten Gangs einen Vorbeter singen, dann antworten die Männer, singen gemeinsam. Sie legen die Hände auf die Knie und beugen sich vor, nach Süden, in Richtung Mekka. Es ist eindrucksvoll. Es gibt in diesen Minuten nichts anderes als dieses konzentrierte gemeinsame Gebet. Der mit einem Stahlzaun geschlossene und mit Stacheldraht und schwarzer Schmiere gesicherte Gang ist angefüllt von Betenden. Der letzte Ruf des Vorbeters verklingt, die Männer setzen sich, einige Zigaretten werden angezündet. Unten beginnt das Gerangel und schlimmer: Die ersten jungen Männer kommen, gehen an dem Gitter-Gang vorbei nach vorne, klettern über die Stahlgitter und springen zwischen die Wartenden. Die dort Wartenden schreien und schimpfen, aber noch nie habe ich gesehen, dass einer auch nur die Hand erhoben, geschweige denn geschlagen hätte. Und doch ist dieser Kampf zwischen denen, die früh kommen und brav anstehen und den anderen, die sich auf diese Weise vordrängen, unschön und ein schwer erträglicher Kontrast zu dem Gebet.

Fünf Uhr
Unterdessen ist ein kalter Wind aufgekommen. Der Nachthimmel im Osten zeigt Schwächen, die Sterne werden dort blasser. Wir frieren richtig. Aber wir haben eine Ecke besetzt, zwischen Mauer und der Gittertür, wo das Gedrängel uns nicht erreicht. Die Unruhe und die Kampfstimmung um die vorderen Plätze werden jetzt unerträglich. Wir sehen, dass Samuel vorn an der Drehtür steht. Die Frauen lehnen an dem Gitter, dicht bei der Drehtür, die Männer werden sie bevorzugt durchlassen. Punkt fünf Uhr erscheint der Soldat in der Kabine aus Beton und kugelsicherem Glas, er schaltet den Monitor und die Drehtürkontrolle ein, das Licht draußen vor der Mauer und über der Drehtür leuchtet das grüne Lämpchen auf.
Nach zehn Minuten sind auch wir durch die Drehtür gegangen und auf dem Rückweg. Wir müssen diesen ersten Teil der Kontrollanlage hinter uns bringen, um uns gleich hinter der Kabine wieder nach links zu wenden und den Ausgang zu nehmen. Wir laufen den ganzen, von wartenden Männern gefüllten Käfig-Gang, auch hier getrennt durch die zweieinhalb Meter hohen Stahlgitter, hinunter. Viele der Männer, die uns kennen, sehen uns fragend an: Wir haben euch heute gar nicht kommen sehen? Unten begrüßen uns die Händler hinter ihren Tischen oder kleinen Handkarren; einige von ihnen hatten halb drei Uhr morgens schon ihre Stände aufgebaut und uns begrüßt. Jetzt bedanken sie sich und bieten uns Kaffee an, umsonst! Sie erklären den Umstehenden, dass wir schon nachts gekommen seien, weil wir unsere Aufgabe, sie hier moralisch zu unterstützen, so ernst nähmen. Für drei oder fünf Minuten, die wir stehen bleiben und uns unterhalten, auch unsere arabischen Begrüßungsworte hersagen, ist hier eine freundliche, fast euphorische Stimmung.

Wir sind durchgefroren und müde und schämen uns, dass wir uns zuhause hinlegen können, während die Männer hier noch bis zu zwei Stunden Warten vor sich haben und dann ihren Arbeitstag.

Nachtrag
Eine Woche später. Die Leiterinnen unseres Programms kritisieren, dass ich keine Fotos von den Männern gemacht habe, die im Käfig schlafen und beten. Für die Dokumentation wäre das wichtig gewesen. Also mache ich mich heute auf Sonntag den 22. Juni 2008, und gehe noch einmal nachts zum Kontrollpunkt. Nach den ersten Fotos hört die Kamera auf und will neue Batterien. Der Kaffeeverkäufer, Ameen, hat Batterien, aber nicht die richtigen. Er hilft mir, einen Taxifahrer zu finden, der mich zu unserer Wohnung und wieder zum Kontrollpunkt fährt. Ich mache meine Fotos, einige Männer wollen nicht fotografiert werden, vor allem nicht beim Gebet. Ich mache einige Fotos von den Schlafenden. Dann unterhalte ich mich unten bei den Händlern. Trinke einen Kaffee, Ameen will kein Geld.

Said
Said verkauft mit seinen zwei Brüdern süßes Gebäck. Er ist 15 Jahre alt, ein bzw. zwei Jahre jünger als seine beiden Brüder. Sein Vater ist schwer krank und kann nicht mehr arbeiten. Said hat die Schule aufgegeben und verkauft jetzt jeden Morgen hier die süßen Stückchen, die seine Mutter bäckt. Ameen unterstützt die Familie. Er kann gut Englisch und erzählt mir die Geschichte, Said steht daneben und lächelt stolz. Dann nimmt er eines der Bleche auf den Kopf und einen kleinen Karton mit schwarzem und gelbem Tee von Ameen und läuft den eingezäunten Gang nach oben und bietet den wartenden Männern davon an. Den ganzen Morgen lang tut er das, immer werden einige Männer schwach und kaufen ihm was ab. Said krieg einen Schekel für das Gebäck seiner Mutter und einen Schekel für den Tee, der er Ameen abgibt.

Noch einmal: Morgengebet
Kurz vor vier Uhr beten die Männer. Ich mache ein Bild unten auf der Straße, wo ich den Scheich gebeten hatte, fotografieren zu dürfen. Der Scheich ist den ganzen Morgen hier und lädt immer wieder kleine Gruppen von Männern zum Gebet ein; dann sammelt er Geld für die Moschee, die er in seinem Dorf südlich von Hebron bauen will.

Dreiviertel fünf
Meine Kollegen kommen mit dem Gast, einem Quäker aus England. Die Frauen kämpfen sich durch die Gitterschleuse, der Gast ist bald abgehängt. Die Männer machen hinter den beiden Frauen, deren Gegenwart drinnen im Terminal sie schätzen, wieder zu. Der Gast, eher als Tourist eingeschätzt, steckt fest. Von außen lotse ich ihn durch, die Männer kennen mich und machen Platz für den Fremden. Es dauert geschlagene 13 Minuten, bis ich ihn vorne am Eingang bei den beiden Frauen, die unsere Weste tragen, „abliefern“ kann. Wieder unten an der Straße, gibt Ameen mir einen Kräutertee. Alles ist still und friedlich und ich berichte per Handy an Anna oben am Eingang, dass heute ein guter Tag ist, die Männer stehen weit die Straße hinunter, in Viererreihen, diszipliniert und ruhig. Ich stecke das Handy ein. Da bricht ein Sturm los, Geschrei und Gerenne: gut hundert Männer laufen auf den Käfig-Eingang zu, daran vorbei und stürmen weit vorne die Stahlgitter, klettern hinüber und lassen sich drin im Gang auf die Wartenden fallen… Also doch. Ich mache automatisch einen Eintrag in meinen Notizblock: “4.59 am, the men from the end of the line are storming the steel rods to climb and jump”.

Verstört, wie immer nach dieser Frühschicht, verlasse ich diesen ungastlichen Ort. Aber ich kaufe Said 5 süße Stückchen ab, zum Frühstück für das Team und den Gast. Sie sehen aus wie Schoko-Croissants und kosten einen Schekel jedes Stück. Sie machen sich gut auf dem Tisch, weil doch Sonntag ist.

Friday, June 13, 2008

Himmel über Bethlehem

Der Himmel über Bethlehem ist voller Gebete
Es gibt Tage, wo die Luft spürbar schlecht ist, an anderen Tagen fegt der Wind durch die Straßen, wirbelt Staub auf und drückt einem die Dreckfahne eines geschäftigen Tages ins Gesicht. Der Wind lässt dann kühlere Luft zurück und darum nimmt man seine Aggression hin. Es gibt Abende, an denen die Luft eine Spur feuchter ist als sonst, weil es ein Westwind war, der sich vom Mittelmeer die Berge herauf gemüht hat. Regen bringt auch dieser Wind nicht, Wolken vielleicht, graue Wolken, die den Abendhimmel frühzeitig färben, aber keinen Regen. Angenehm ist der Wind aus Osten, er ist trocken und treibt die angestaute Luft aus der Stadt.
Weiter oben, aber das stelle ich mir nur vor, über den Städten Jerusalem und Bethlehem, da steht die Luft still. Sie ist angefüllt von Gebeten, muslimischen Gebeten, die den melodischen Rufen der Muezzine folgen, fünf Mal am Tag steigen diese Gebete in dichten Reihen auf. Christliche Gebete folgen ihnen, über den ganzen Tag verteilt, meist in arabischer, aber auch mal in aramäischer Sprache in den vielfältigen Traditionen der orientalischen und westlichen Kirchen. Schließlich sind dort, hoch am Himmel über diesen Städten, die jüdischen Gebete, die von der Klagemauer aufsteigen, von den Tischen der Sabbatfeiern, aus Synagogen. Der Himmel ist wie ein reifer Olivenbaum, voller bläulicher Früchte. Würde einer den Himmel schütteln, würden sie alle herabfallen, die leichten und die schweren Früchte, die Litaneien, die Stoßgebete, die leisen dankbaren und die laut geschrienen. Der Himmel über Bethlehem ist verhangen von Empfindungen, Schmerzen, Wut und Sehnsucht nach Erlösung.

Was macht der Himmel mit all diesen Gebeten?

Der Jüdische Soldat
Wenn die Zeit für das Gebet gekommen ist, breitet der Muslim, der gut vorbereitet ist, auch wenn er weit weg von einer Moschee oder von zu Hause ist, den Teppich oder den Pappkarton aus und beginnt sein Gebet. Wir sehen Männer, die durch den Checkpoint durch gekommen sind und in der ersten Ecke, die sich bietet, ihr Gebet beginnen. Und keiner schenkt ihnen Beachtung oder lacht. Der jüdische Soldat in der Kabine unterbricht seine Arbeit, die Arbeitserlaubnisse der Männer zu überprüfen und sie durchzuschleusen, Männer, die vielleicht schon über eine Stunde lang anstehen und durch die Kontrolle wollen. Der Soldat legt sich den Gebetsschal über Kopf und Schulter, dreht sich in eine Ecke, wo er niemanden sehen muss und betet. Draußen die Muslime warten schweigend und hoffen, der Beter in Waffen ist von der schnellen Sorte. Der Besitzer des Andenkenladens im Souk bewegt langsam den Rosenkranz in seinen Fingern und verfolgt gleichzeitig das Geschehen in der Gasse vor seinem Laden. Er kann nicht zur Marienvesper gehen, aber mit seinen Gebeten ist er dabei.

Da war der Jeep, der quer in der Straße hinter dem Ar Ram Checkpoint stand. Zwei Soldaten, einer saß mit dem Sturmgewehr in beiden Händen auf dem Kühler, der andere hatte die Waffe umgehängt, aber eben auch den Gebetsschal, Helm ab, die Kippa auf dem Kopf und, von der Straße abgewandt betend. Einige Jungs machen sich den Spaß und spielen mit einer Blechbüchse Fußball, der Soldat, der die Wache doppelt wachsam halten muss, guckt zu, sein Kopf ist klar nach rechts gerichtet. Währenddessen klettern links drei Jungs über die Mauer, die hier nicht hoch ist, hinüber. Das Manöver war klar. Das Gebet und die Ablenkung. Und kaum sind die drei Jungs hinüber, hören die anderen mit ihrer Blechbüchse auf und rennen lachend davon.

Gebet an der Mauer
Jeden Freitag Abend treffen sich die Caritas-Schwestern vom Kinderkrankenhaus an der Mauer zum Gebet. Die Brüder der Christlichen Schulen (vom La-Salle-Orden) schließen sich ihnen an, manchmal eine Novizin des nahen Emanuel Klosters oder auch Pilgergruppen aus aller Welt. Es ist das Stück Mauer zwischen dem großen Tor, das nur für Touristenbusse und Ausländer mit eigenem PKW geöffnet ist und dem Kloster. Es ist nicht weit von unserer Wohnung entfernt und wir gehen möglichst regelmäßig hin. So lernen wir den Grundbestand der Rosenkranz Litanei auf Italienisch, Arabisch, Englisch und Deutsch. Wir gehen auf und ab, dreimal, eine halbe Stunde lang. Dann tauschen sich die Beter noch über dies und das vom Tage, über wichtige Ereignisse und über das kleingeschriebene Menschliche aus. Dann gehen sie jeder seiner Beschäftigung nach. Warum haben sich die Schwestern diesen Ort ausgesucht, beten sie für oder gegen was? „Nein“, sagen sie, „die Juden haben ihre Klagemauer und wir begnügen uns mit dieser Mauer hier, Gott hört und sieht uns alle“. Mehr Kommentar ist von ihnen nicht zu kriegen. Gebet? Muss man das erklären?

Gebet im Käfig
Es ist früh, zwei Uhr dreißig, der Sternenhimmel klar, die Nacht noch lange nicht fertig. Wir kommen zum Kontrollpunkt, dem viel gehassten Checkpoint. Wir wollen mit eigenen Augen sehen, ob die ersten Männer wirklich schon vor drei Uhr hier ankommen. Und es stimmt: Sechs Männer liegen, in Pappkartons eingepackt, am oberen Ende des Gitterweges. Hier ist der schmale Durchgang durch die ca. 45 cm dicke Mauer. Davor sitzen und liegen sie. Sie sind um 2 Uhr gekommen. Wir zählen und schreiben auf, wie viele in den nächsten 2 Stunden kommen. Um fünf Uhr wird der Eingang geöffnet und sie wollen die ersten sein, die durchkommen. Die Männer, die erst gegen fünf Uhr kommen, haben dann ca. 800 Frühaufsteher vor sich und müssen bis zu zwei Stunden warten, bis sie durch die Kontrollen durch sind.
Um 2.55 Uhr, sagen meine Notizen, steht ein einzelner Mann auf und betet. Ein früher Muezzin hat zum Gebet gerufen, ich weiß nicht, warum so früh. Um 3.55 Uhr, da ist der eingezäunte Weg schon bis unten hin voll von sitzenden Männern, erheben sich alle, die Muezzin singen von allen Minaretten. Die Männer stehen Schulter an Schulter nach Mekka ausgerichtet und vollziehen die gleichen Bewegungen, das Symbol der Waschung, das Hinknien, mit der Stirn den Boden berührend und so weiter. Dann hören wir einen Vorsänger, schön singt er, schlicht und die Männer antworten im Chor. Sie stehen auf, stehen still und gesammelt, legen die Hände über die Knie und senken die Köpfe. Es ist eindrucksvoll, es lädt ein, mitzubeten, es ist ein bewegender Anblick. Ein gemeinsames kräftiges Gebet steigt über diesen Käfig aus Stahl und Stacheldraht, in denen die Männer eingezwängt sind. Hat das Gebet einen Bezug zu dem Ort und der Situation, in der die Betenden sich befinden? Sie sind fertig und setzen sich wieder auf ihre Pappkartons. Und unmittelbar danach bricht weit unten das Geschrei aus. Es kommt von den Männern innerhalb des eingezäunten Weges und betrifft die jungen starken Männer, die wie Gangs aus den Sammeltaxis an der eingezäunten Schlange der Wartenden vorbei gehen, bis dahin, wo die Soldaten den Stacheldraht jeden Tag neu befestigen. Dort klettern sie und springen zwischen die Frühaufsteher, die hier schon seit einer Stunde sitzen und rauchen oder schweigend warten. So sparen die Eindringlinge eine gute Stunde Warten. Lautes Schimpfen, aber keine Handgreiflichkeiten.
Was für ein Kontrast: Das Gebet und das Kampfgeschrei!

Der Himmel wird licht von Osten her. Ein kalter Wind kommt auf und die Männer hier vorne vor dem Mauerdurchlass schützen sich mit den Kartons, die sie mitgebracht haben. Die Soldaten haben Wachwechsel, für einen Moment steht die Tür vom Wachturm, der in die Mauer integriert ist, offen. Oben im Wachturm ist Licht. Die Kamera hat die Bilder vom Gebet der Männer in den Raum dort oben übertragen. Was bedeutet den Soldaten, vielleicht frommen Juden, die selber viermal am Tag beten – was bedeutet ihnen das Gebet der Männer, die sie gleichzeitig verachten und fürchten?

Der Gott Abrahams
In meinem Pfarrkonvent in Berlin kam einmal die Frage auf, ob der Gott der Muslime, der Juden und der Christen derselbe Gott ist. Keine Zweifel: Der Gott Israels und der Vater von Jesus ist in unserer Theologie derselbe. Aber Zweifel, Scheu und heftige Abwehr herrschen vor gegen den Gedanken, auch Allah könnte der Gott unseres Glaubensbekenntnisses sein. Wie wenig relevant ist diese Frage hier, in der Situation Palästinas! Wie viel wichtiger ist die Frage: Wessen Auslegung der Thora, der Bibel und des Koran ist richtig oder ist verbindlich oder verdient unser Vertrauen. Oder, mit dem Blick in den Himmel über Bethlehem: Welche Gebete dringen durch zum Gott der Kinder Abrahams?

Wäre er wie wir Menschen, er müsste zwischen Schmerz, Zorn und Mitleid schwanken. Lachen wäre sicher auch dabei. Aber er ist nicht wie wir. Vielleicht schickt er Petrus mit einem großen Besen und lässt ihn von Zeit zu Zeit den ganzen Himmel über Bethlehem ausfegen – mindestens, um Platz für neue Versuche zu machen. Besser: Die Beter sollten hören lernen, wie ihr Nachbar betet, wie er sein Leiden, seinen Dank, seine Sehnsucht vor Gott bringt.

Der Himmel über den Heiligen Städten dieses Landes ist voll von Gebeten. Hören wir sie?

Wednesday, June 11, 2008

60 Jahre Naqba in Bethlehm


Die Lebende Uhr von Bethlehem
Sonntag, 8. Juni 2008

Die Internationale Woche der Kirchen für Frieden in Palästina und Israel ist abgeschlossen. Sie hat in Jerusalem begonnen und wurde in New York mit einem Gottesdienst mit der Jerusalemer Liturgie beendet. Das war gestern, Sonntag, 8. Juni 2008.
Für uns in Bethlehem war der Höhepunkt die Aktion mit der Lebenden Uhr auf dem Platz vor der Geburtskirche. Ungefähr 100 Leute aus Bethlehem und aus aller Welt haben eine Uhr dargestellt, deren 60 Minuten den 60 Jahren der Naqba entsprechen sollten. 60 Leute mit den Nummern 1 bis 60 standen in einem großen Kreis. In der Mitte der Uhr hat sich ein Zeiger bewegt, die Menschen haben hier die Buchstaben für die Losung „It’s time for Palestine“ gezeigt. An der Spitze des Uhrzeigers trug der Mensch mit dem Buchstaben „e“ eine Fackel, mit der er die Fackel von jedem einzelnen Jahr der Gedenkuhr anzündete. Am Schluss brannten alle Fackeln und die Lebende Uhr des Gedenkens sang gemeinsam das Lied:
Yarabba ssalami amter aleina ssalam…= O Gott des Friedens, lass Frieden auf unser Land regnen…“

Der das Licht rund um die Uhr trug und alle Fackeln zum Brennen brachte, war Justice aus Südafrika von unserem Ökumenischen Begleitprogramm. Weitere 7 Freiwillige aus unserem Programm waren in der Uhr beteiligt, Gottfried war eine der beiden in Rot gehaltenen Zahlen, die 60 für die 60 Jahre der Naqba, der Katastrophe für Palästina.

Hier ist der Link zu dem Video, das die Aktion zeigt: http://www.youtube.com/watch?v=zI4Ja6loTWk

Friday, May 30, 2008

Brief an ein Kind

Liebe Paula!
Dein Geburtstagsgruß mit den vielen Wäscheleinen ist angekommen. Das hat gut gepasst, weil ich gestern meine ganze Wäsche gewaschen habe und die Wäscheleinen draußen im Hof gerade Mal so gereicht haben. Da war das Bild, das Du gemalt hast genau das richtige Thema. Vielen Dank dafür.

Ich konnte Dir nicht rechtzeitig zu Deinem Geburtstag schreiben, weil ich Eure Adresse nicht habe. Jetzt ist es zu spät und ich schicke den Brief durch die Computer – von meinem zu Eurem. Ich sitze also hier in Bethlehem, hoch in den Bergen von Palästina und denke an Dich, Du bist jetzt eben aus dem Kindergarten nachhause gekommen und spielst vielleicht allein für Dich in Deinem Zimmer. Bei mir ist fast jeden Tag gutes Wetter, aber das kann einem auch schnell mal zu viel werden, wenn man stundenlang in der Sonne steht und läuft und sitzt und dann einen kleinen Sonnenstich abgekriegt hat. Also: Nachträglich wünsche ich Dir zu Deinem Geburtstag ein schönes neues Kinderjahr, wo Du spielen und lernen und so fröhlich sein kannst, dass Dich die Erwachsenen darum beneiden. Du bist jetzt fünf Jahre alt und weißt schon, dass ein Geburtstag ein besonderer Tag ist: Dein Tag eben.

Bestimmt hast Du schöne Sachen geschenkt gekriegt. Ich schicke dir von hier schöne Fotos und kleine Geschichten dazu.

Da ist zuerst das Bild vom Esel. Vor einigen Tagen waren wir in einem Dorf, wo sich die Männer zu einer Demonstration versammelt haben, sie wollten nämlich bis ans Ende ihres Dorfes gehen, wo die Soldaten auf sie gewartet haben. Dort wollten sie den Soldaten sagen: Geht nach Hause, wir brauchen Euch hier nicht. Und vor dieser Demonstration haben die Männer, weil es Freitag war, der Tag, der in ihrer Religion für das besondere gemeinsame Gebet vorgesehen ist, wie bei uns der Sonntag, wo wir in die Kirche gehen. Diese Männer sind aber nicht in ihre schöne Moschee gegangen, die mitten im Dorf liegt, sondern sie haben sich an dieser Straße getroffen, zwei Minuten von den fremden Soldaten entfernt. Da haben sie sich auf die Straße gesetzt und haben ihr Gebet gemeinsam verrichtet, einer hat laut vorgesungen und dann haben alle in den Gesang eingestimmt. Es war sehr schön. Ich schicke Dir ein Foto davon mit.
Aber das Bild vom Esel. Als wir an dieser Straße ankamen, war noch niemand da. Nur ein Esel kam die Straße herunter getrabt. Der Esel war ziemlich beladen: mit einigem Werkzeug für die Arbeit auf dem Feld, mit Grasbüscheln als Abendbrot für den Esel, mit einem gelben Kanister mit Wasser für den Bauern und einem grünen Kanister mit Wasser für den Esel und, natürlich saß der Bauer oben auf. Schau Dir das Foto an: Da siehst Du den Esel mit der ganzen Last geduldig die Straße lang laufen. Und, guck genau hin: Was siehst Du hinter dem Esel? Eine Tankstelle. Natürlich braucht der Esel keine Tankstelle. Autos halten dort und tanken Benzin. Unser Esel läuft also ganz gleichgültig an der Tankstelle vorbei. Er interessiert sich auch nicht für die Autos, die Taxis, die Männer, die jetzt zum Gebet auf der Straße kommen und interessiert sich auch nicht für die fremden Soldaten, die den Bauern gefragt haben, wo er herkommt und was er in seinem gelben und in seinem grünen Tank hat. Na – weißt Du noch, was in dem einen und in dem anderen Tank ist?
Ich weiß nicht viel von dem Esel, aber wenn Du willst, kann ich für dich raus finden, wo der Esel lebt, wo er arbeitet und wie er die Welt findet, in der er lebt.
Stell Dir mal vor, Ihr hättet kein Auto. Wie würdet Ihr zum Beispiel in Euren Garten kommen? Mit dem Werkzeug und all den Sachen zum Grillen und Trinken? Na? Ihr würdet Euch einen Esel kaufen, oder besser zwei, einen für Paula und Sabine und noch einen für Christof und Emil. Das würde dann viel länger dauern, als jetzt die Fahrt mit dem Auto, aber es wäre einfacher, als zu Fuß laufen und die vielen Sachen zu tragen. Aber der Esel könnte dann, während Ihr den Grill fertig macht und Rasen mäht und euch hinsetzt und esst und trinkt, der Esel könnte währenddessen ganz schön von Eurem Gras und von den Blumen fressen. Die würde er besonders lieben. Ist das eine gute Idee?
Hallo Paula, hörst Du noch zu? Ich weiß, es gibt immer zwei Geschichten, wenn Dein Dassi Dir vorliest. Also sollst Du auch heute in diesem Geburtstagsbrief eine zweite Geschichte sehen.

Jetzt also das Bild von dem Kaktusstrauch. Siehst Du es? Der Strauch selbst ist grün, er hat dicke Zweige und Blätter, man kann gar nicht sagen, ob das Zweige oder Blätter sind. Sie sind dick und vor allem: Sie haben Stacheln. Davon erzähle ich gleich mehr. Der Kaktus hat wunderschöne große gelbe und rote Blüten, deshalb macht er so ein schönes Bild, schöner, als ich es malen kann. Vielleicht kannst Du den Kaktus abmalen?
Wie soll ich anfangen? Bei den Stacheln. Der Mann, der uns durch das verlassene Dorf geführt hat, Yakuub, hat uns erklärt: Überall da, wo wir solche Kaktussträucher sehen, befindet sich ein Dorf der Palästinenser. Da, wo wir waren, war das Dorf verfallen und seine Bewohner sind von den fremden Soldaten vertrieben worden, jetzt haben die alten Leute Enkelkinder in Deinem Alter und die wollen auch gern wieder in das alte Dorf kommen, das dürfen sie aber nicht. Die fremden Soldaten erlauben es nicht. Das Dorf heißt Lifta und ist ganz nahe bei der Hauptstadt von Israel und von Palästina. Die Hauptstadt heißt Jerusalem, den Namen hast Du bestimmt schon von mir gehört, weil ich schon zweimal ganz lange dort war.

Aber zurück zum Kaktus. Dieser Strauch eignet sich gut als Schutz rund um ein Dorf, weil er diese grässlich scharfen Stacheln hat, so lang, wie ein Finger und dünn, wie eine Nähnadel. Kein Tier will von diesem stachligen Strauch essen. Und genau so ist es gemeint, dass alle Tiere, die wilden Tiere, aber auch die Schafe und Ziegen, die draußen vor dem Dorf ihr Gras suchen sollen, abgehalten werden, in das Dorf herein zu kommen, außer, die Bauern machen das Gartentor auf und lassen ihre Schafe und Ziegen herein. Soweit also die spitzen Stacheln.
Und nun zu den Früchten. Mmmm! Sie sind süß, sie sind weich, sie zergehen auf der Zunge und schicken einen feinen Duft durch die Nase und wenn man abbeißt, ist es wie Geburtstag und Weihnachten zusammen. Mann muss sie allerdings schälen, weil auch ihre Schale sehr unangenehm ist, stachlig und voller klitzekleiner Fäden, die sich schnell über die Hände und Arme verbreiten und fürchterlich kitzeln. Hat man die widerspenstige Frucht aber geschält und führt sie sacht in den Mund – mmmm! Aber das hab ich ja schon beschrieben.

Dieser Kaktus hat also zwei große Begabungen: Er schützt das Dorf oder einen Bauernhof mitten in den Feldern vor unwillkommenen Tieren. Und einmal im Jahr gibt er seine Frucht, er gibt sie nicht gern her, darum die Stacheln, aber dann schmeckt diese Frucht wunderbar süß. Der Kaktus hat einen Namen. Hier geht die Geschichte, die ich Dir erzähle, nämlich noch ein Stück weiter. „Sabre“ heißt dieser Kaktus. Und das wird von den Bewohnern der Dörfer und von den fremden Soldaten verschieden ausgesprochen. In der Sprache der Dorfbewohner bedeutet „Sabre“ soviel wie Ausdauer oder Geduld. Sie nennen diesen Strauch so, weil er die heiße Sonne und die Dürre, wenn es monatelang nicht regnet und die Kälte im Winter alles ganz still erträgt und auch mal ein Jahr ganz ohne Regen aushält und wartet, aber dann blüht er wieder und lässt diese wunderbare Frucht wachsen. Die Dorfbewohner lieben ihren „Sabre“, sie möchten auch so sein, stachlig, ausdauernd und mit seinen Wurzeln fest im felsigen Grund verwachsen. Sie möchten die böse Zeit, in der die fremden Soldaten sie aus ihren Dörfern vertrieben haben, geduldig abwarten und eines Tages wiederkommen und ihre verlassenen Häuser wieder herrichten und von den Kaktus-Früchten essen. Das kann man doch verstehen, oder?

Das Wort „Sabre“ wird aber von den fremden Nachbarn, die die Soldaten geschickt haben, nicht nur anders ausgesprochen, es hat auch eine andere Bedeutung. Für sie bedeutet der Name und der Strauch: Sie sind in diesem Land geboren, haben gekämpft, um es sich zu erobern und wollen es für immer behalten. Stachlig wollen sie sein, starke Soldaten gegen die Bewohner der Dörfer und süß, weil sie das Land mit seinen Kaktus- und den anderen Früchten lieben und behalten wollen.
So hat dieser seltsame Strauch, stachlig und süß, seine Bedeutung für die Dorfbewohner und für die fremden Soldaten. Das sieht man dem Foto nicht an, nicht wahr? Ich schicke dir also ein Foto von dem Dorfbewohner mit, der uns die halb zerfallenen Häuser und die Gärten mit Oliven- und Mandelbäumen gezeigt hat und von den Häusern, damit du siehst, wie schön sie einmal waren.

Paula, schläfst Du noch nicht? Du kannst Dir die Geschichte morgen noch einmal vorlesen lassen und die Bilder angucken. Und Du kannst mir auch Fragen stellen. Ich schicke Dir die Antworten, versprochen. Jetzt schicke ich den Brief ab, damit Du ihn bald hast.
Tschüs!
Dein Dassi aus Bethlehem

Geschichten über Kinder

Heiliger Antonius
Er trägt eine braune Kutte mit Kapuze, ein Seil ist durch kleine Schlaufen geführt und locker geknotet, ein dunkelroter Rosenkranz hängt neben den Kordeln herab. Er ist zwei und ein halbes Jahr alt. Er heißt Toni. Wir denken erst, dass er ein Spiel spielt, dass er sich verkleidet hat. Aber seine Tante erklärt uns, was es mit dieser Kutte auf sich hat: Toni trägt sie immer, vor allem, wenn er das Haus verlässt, oder wenn Besuch kommt, so wie jetzt gerade.

Antoinette, eigentlich seine Großtante, hat uns eingeladen und erzählt uns jetzt einiges aus der Geschichte dieses Hauses. Es ist eigentlich kein altes Haus, aber es hat so viele Geschichten gesehen, wie der Palast aus Tausendundeiner Nacht. Das Haus liegt dicht an der Grenze zwischen dem Jerusalemer Stadtgebiet und Bethlehem. Jetzt ist da eine Mauer gebaut, 12 Meter ist sie hoch. Sie geht hier weit in das Bethlehemer Gebiet hinein, ummauert eine Exklave, die Israel für sich reklamiert, das Gelände von Rachels Grab. Antoinettes Haus steht in einer Ecke, von zwei Seiten durch diese Mauer eingezwängt. Die Hälfte ihres Gartens ist für sie nicht mehr erreichbar, sie liegt auf der Jerusalemer, der Israelischen Seite. Weil das hier Grenzgebiet ist, hat das Haus viel vom Krieg, der hier die Geschichte der letzten 60 Jahre geprägt hat, gesehen. Hier wurde 1948 und 1967 gekämpft und wieder mit der ersten und mit der zweiten Intifada. Die Geschichten sind nicht so schön, wie die aus Tausendundeiner Nacht, obwohl es finstere Nachtgeschichten sind.

Das Zimmer, in dem wir sitzen und Tee trinken und Askadinyas essen, frisch vom Baum gepflückt, hat einige Bilder und große Fotos an seinen Wänden hängen. Auf einem ist eine riesige Familie zu sehen. Antoinette benennt uns alle ihre Kinder, Enkel und die ersten Urenkel. Einige Kinder sind zu früh geboren: Kriegskinder, deren Mütter von einer Bombe, die in der Nähe explodiert ist, betäubt worden war, oder von Tränengas überwältigt, das Kind fast verloren haben. Anton ist so ein Kind. Als die Mauer gebaut wurde, haben hier die Soldaten den Palästinensern aufgelauert, die eine Lücke in der Mauer nutzen und zu ihren Arbeitsplätzen laufen wollten. Bei einem Tränengasangriff ist die Mutter zu Fall gekommen und hat das Kind zu früh geboren. Toni ist im Brutkasten aufgezogen worden. Als er schließlich gesund zu seiner Familie in dieses Haus in der Mauerecke zurück konnte, haben die Eltern beschlossen, ihn dem Heiligen Antonius zu weihen. Und das sieht so aus, dass Toni jetzt ein Jahr lang die braune Kutte der Franziskaner trägt. Er trägt sie gern und ist stolz auf sie. Er entwickelt sich gut, aber er ist ängstlich, „als ob er weiß, wie es bei seiner Geburt zugegangen ist“, erklärt die Großtante.

Wir sind im Obergeschoss und sehen uns um, nach Jerusalem hinüber, nach Beit Jalla hinauf und zum Grab der Rachel. Wir sind aber im Blickfeld der Soldaten im Wachturm drüben. Der ist etwa 200 Meter entfernt, hat aber mehrere Videokameras. Jedenfalls hatte ich gerade den Wachturm in meiner Kamera fokussiert, als meine Kollegen mich am Ärmel zurückzogen, weil die Soldaten ihrerseits heftig winkten und bedeuteten, dass wir nicht fotografieren dürften.

Toni wächst also in diesem Haus auf, dessen Garten die Familie kaum mehr benutzt, weil er durch die Mauer und den übrig gebliebenen Bauschutt alle Schönheit verloren hat. Im Hof kann er spielen. Aber Nachbarn hat er kaum, weil die meisten Häuser hier leer stehen, die Bewohner sind „bis auf weiteres“ vertrieben worden. Nur Antoinette ist hier geblieben. Sie hat einen britischen Pass und Schutz. Am 13. Juni wird Toni den Feiertag seines Schutzherrn begehen. Wünschen wir ihm dafür einen schönen Tag und die Hoffnung, dass, so klein er ist, so schutzbedürftig, wie er aufgewachsen ist, er für das stehen wird, wofür sein Patron steht: Für das Wiederfinden verlorener Sachen! Wünschen wir ihm, dass er mit des Heiligen Antonius Hilfe den ganzen Garten, die Mandel- und Askadinyabäume seiner Familie, die Freiheit, sich in seinem eigenen Land bewegen zu können, zurück erhalten wird. Wünschen wir ihm, dass er die staubigen Reste der Mauer in seinem Garten eines Tages seinen Kindern und Enkeln wird zeigen und erklären können, was für finstere Zeiten dieses schöne Land hinter sich hat…

Geschichten über Kinder

Schwarze T-Shirts
Jeden Freitag finden Demonstrationen in den Dörfern um Bethlehem statt. Freitag ist Feiertag. Die Muslime haben am Mittag ihr großes Gebet, die Moscheen sind dann voll. Und die Juden beginnen mit der Dämmerung den Sabbat, in den jüdischen Städten und Jerusalemer Wohnvierteln sind dann die Straßen voll, die frommen Juden, und es gibt viel von ihnen, gehen in die Synagogen. Freitag, Feiertag, arbeitsfrei, Zeit zum Demonstrieren.

Wir sind in Umm Salomone, einem Dorf südlich von Bethlehem. Die Szene ist eingeübt. Soldaten sperren den Ausgang des Dorfes auf die Landstraße ab. Stacheldraht ist quer über die Straße gelegt. Dahinter stehen sie, in ihren Furcht erregenden Kampfanzügen, schwer bewaffnet, breitbeinig in zwei Reihen. Vor dem Stacheldraht viele Kinder, einige Männer, die nachher reden werden. Zwei Fernsehkameras, Reporter, die manchmal plötzlich auf der Seite der Soldaten stehen und ihre Fotos von den Demonstranten schießen werden, von den Soldaten gelitten, weil der Sinn dieses Spiels hier genau der ist: Schrecken zu verbreiten und zu zeigen, wie unerbittlich und unbezwingbar die Soldaten mit Demonstranten fertig werden.

Plötzlich sehen wir Gerangel. Die Kinder haben angefangen, den Stacheldraht, der richtig böse, nicht mit harmlosen Stacheln, sondern mit unzähligen kleinen Klingen besetzt ist, zu sich herüber zu ziehen, zur Dorfseite hin, damit er irgendwann nicht mehr sperrt. Die Soldaten fassen sofort zu und nun ziehen sie von beiden Seiten, die kleinen und die großen Jungs. „Ein Männerspiel!“, sagt Anna, meine schwedische Kollegin. Sie sagt es verächtlich. Irgendwann sind die großen Jungs abgelenkt und merken nicht, dass die kleinen Jungs listig an einer Stelle nachgegeben haben, ein Soldat fällt um, das Gewehr klackert auf der Straße, Unsicherheit bei den großen Jungs, ihre Spielfreude lässt für einen Augenblick nach und die kleinen Jungs ziehen den Stacheldraht schnell auf die andere Straßenseite. Jetzt ist kein Stacheldraht mehr da und die Soldaten werden echt böse, rufen Befehle, ziehen sich einige Meter zurück, bilden eine feste Reihe, breitbeinig, ihre Gewehre im Anschlag. Die kleinen Jungs laufen mit dem Stacheldraht in Richtung Dorf, wie eine lange Schlange ziehen sie ihn hinter sich her, sie lachen. Ich will den weiteren Fortgang nicht berichten. Auch die Reden nicht, die an uns wenige Zuschauer gerichtet sind, auf Englisch und für meinen Geschmack etwas zu pathetisch...
Was hat es mit den schwarzen T-Shirts auf sich? Schwarz steht für die Trauer über die andauernde Naqba, die Katastrophe von Flucht und Vertreibung. Die Zahl 194, mit weißen Buchstaben dargestellt, steht für die UN-Resolution vom Dezember 1948. In ihr ist das Recht der Palästinensischen Flüchtlinge auf Rückkehr in ihre Dörfer festgelegt. Die Zahl 8, in roter Farbe, macht daraus die Jahreszahl 1948, das Jahr der Katastrophe, in der eine halbe Million Palästinenser vertrieben – und danach nie wieder zurück gelassen worden war. 60 Jahre Naqba, 60 Jahre Missachtung der UN-Resolution. Und mit der Errichtung der Sperranlage, die hier weiter gebaut werden soll, werden neue Familien ihres Landes beraubt oder heimatlosl.

Aber warum tragen die kleinen Kinder schwarz, Jungs, die gerade erst in die Schule gekommen sind? Warum werden sie hier gegen die Soldaten aufgestellt? War das denn ihre eigene Idee? An einer Stelle des Demonstrations-Theaters, das hier gespielt wurde, haben einige Jungs plötzlich zwei Finger in V-Form nach oben gereckt, dicht vor die Gesichter der Soldaten, die darauf zum Teil wütend reagiert und nach den kleinen Fingern geschlagen haben, wie man nach einer Fliege schlägt. Ich denke, hier ist das gute Anliegen des Dorfes Umm Salomone, das durch eine Mauer von seinen Feldern und von der Landstraße abgetrennt werden soll, eine Mauer, die die illegalen Siedler der grünen Städte schützen soll, die Israel hier wie eine Perlenkette so anlegt, dass ein weiter Teil Palästinas praktisch an Israel angeschlossen wird – hier ist das gute Anliegen durch die verspielte Art des Protestes verwässert. Und die Kinder werden dafür missbraucht, die kleinen Jungs. Die großen sowieso: Wie dumm müssen die sich vorkommen in diesem unwürdigen Spiel!

Geschichten über Kinder

Milchgesicht
Bin ich noch bei Kindergeschichten?
Sein Gesicht fasziniert mich. Ich stehe ziemlich weit in den vorderen Reihen, wo ich eigentlich nicht sein soll. Das Gerangel um den Stacheldraht ist vorbei: Soldaten und Zivilisten, vor allem die ganz jungen, stehen sich hier gegenüber. Kleine Gespräche, meist von den Zivilisten angezettelt, springen über die unsichtbare Linie, die die Soldaten sichern sollen. Einige Gesichter in den Uniformen sind eisig, oder abweisend. Andere sind gleichmütig, wieder andere wachsam. Aber eines ist dabei, von einem Ansatz eines blonden Bärtchens geschmückt, mit einer Brille, die das verlegene Lächeln der Augen nicht verbergen kann – ein Gesicht, das mehr einem Kind gehört, als einem Soldaten. Er soll Schrecken verbreiten, dieser Soldat, aber das hat er nicht richtig gelernt. Unter ihm spielt gerade ein Kind Soldat, es steht breitbeinig da, hält ein imaginäres Gewehr in den Armen und hat ein fürchterliches Gesicht aufgesetzt. Der Soldat lacht. Lacht er über das Kind? Ist er um sich selbst verlegen?

Ein Gedanke nistet sich bei mir ein: Was macht dieses Land Israel mit seinen Kindern?!

Geschichten über Kinder

Schulweg
Nennen wir sie Hiba. Sie ist 11 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in An Nu’man. Wie ihre Eltern hat sie einen grünen Ausweis, der sie als Palästinenserin definiert. Und wie ihre Eltern wird sie vom Israelischen Staat als illegal in Jerusalem lebend angesehen. Das ganze Dorf gehört zu Palästina, aber Israel hat seine Sperranlage so um das Dorf herum gelegt, dass die etwa 20 Familien jetzt von den besetzten Palästinensergebieten abgeschnitten sind. Zum Einkaufen, Arbeiten, zum Arzt und zu ihren Freunden und Familienangehörigen müssen sie jetzt eine Grenz passieren und eine strenge Kontrolle über sich ergehen lassen. Jedesmal.
Und da sind wir wieder bei Hiba. Jeden Morgen geht sie zur Schule im palästinensischen Nachbardorf Al Khas und mittags kommt sie zurück. Immer muss sie durch die Kontrolle und ist dabei dem guten oder bösen Willen der Soldaten ausgesetzt. Es ist ein kleiner Kontrollpunkt, von drei oder vier Soldaten bemannt, selten von höheren Offizieren besucht. Die Willkür der gelangweilten Soldaten nimmt hier besonders krasse Formen an. Schon vor einem Jahr hatte ich eine ganze Reihe unglaublicher Geschichten gehört, die in einem Fall mit dem Tod eines Dorfbewohners geendet hatten. Und nun stehe ich Hiba gegenüber, während ihr Vater die Geschichte ihrer Einschüchterung, um ein ganz vorsichtiges Wort zu gebrauchen, erzählt. Eine TV-Gruppe ist etwa gleichzeitig mit uns an dem Kontrollpunkt angekommen und mit der Dokumentation der Situation der Schulkinder beschäftigt. Hiba steht dabei, den Blick gesenkt, während ihr Vater redet. Alle anderen Schulkinder, Mädchen und Jungs verschiedenen Alters, stehen um sie herum. Die Kinder halten sich an das strenge Gebot ihrer Eltern, immer zusammen zu gehen, nie jemanden allein zurück zu lassen.

Hiba war eines Morgens von einer Soldatin in der Drehtür eingeschlossen worden. Sie konnte nicht vor und nicht zurück. Die Soldatin kam hinter ihrem schusssicheren Fenster hervor und verlangte von ihr, sie solle laut und deutlich aussprechen, sie sei eine Hure. Noch mehr Vorschläge von Selbstbeschimpfungen hatte die Soldatin für Hiba bereit. Hiba hat sich verweigert. Die Soldatin brachte ihr Bier, das sollte sie trinken. Für Muslime und erst recht für Mädchen in ihrem Alter ist das eine Provokation und Beleidigung. Auch das hat Hiba verweigert. 15 Minuten hielt die Soldatin das elfjährige Mädchen in der engen Drehtür gefangen. Schließlich hat sie es entlassen, aber angedroht, heute Nachmittag werde sie länger festgehalten, falls sie sich immer noch weigere, den Anweisungen der Soldaten zu folgen. Hiba ist an diesem Nachmittag nicht Hause gegangen. Nach der Schule hat sie den anderen Kindern Bescheid gesagt und ist zu ihrem Onkel gegangen, der in Al Khas wohnt. Abends hat ihr Vater sie abgeholt.

Ich weiß nicht, wie sie es schafft, jeden Tag wieder durch die Grenzkontrolle zu gehen, aber einen anderen Schulweg gibt es nicht und zur Schule will sie doch. Ich weiß auch nicht, wie die Angelegenheit, die von den Eltern als Beschwerde vor die Militärbehörde gebracht worden ist, intern geklärt worden ist. Wurde die Soldatin bestraft? Hängt jetzt ein Aushang in dem Wachhäuschen „Du sollst nicht kleine Mädchen belästigen und einschüchtern“? Ich weiß vor allem nicht, ob die Generale und die Minister und die Parteiführer darüber nachdenken, dass die Besetzung Palästinas durch Israel mit jedem Tag, die sie andauert, nicht nur die Besetzten sondern mehr noch den Besatzern, hier den Soldaten und Soldatinnen mehr ihr menschliches Gesicht nimmt.

Saturday, May 17, 2008

60 Jahre Naqba

Gerechtigkeit ist der Schlüssel zur Zukunft

Das kleine Mädchen zeigt nach oben und ruft etwas, ängstlich oder ärgerlich? Ihr großer Bruder beugt sich zu ihr herunter und erklärt etwas. Sie bleibt aufgeregt, aber dann leuchten ihre Augen. Jetzt sehe ich es auch: Ein Bündel schwarzer Luftballons hatte sich im Schlüsselbart verfangen und seinen Weg in den Himmel nicht gefunden. Jetzt hat er sich aber gelöst, steigt auf und wird vom Wind nach Osten getrieben.

Der Schlüssel, ein überdimensionales Exemplar eines altertümlichen Schlüssels liegt auf dem Bogen, der hier symbolisch für das Schlüsselloch und für das Tor zur Gerechtigkeit steht. Es ist ein altertümlicher Schlüssel mit Bart, wie er heute kaum noch irgendwo in Gebrauch ist, auch hier in Palästina nicht. Aber es ist der Schlüssel, der in vielen Wohnungen palästinensischer Flüchtlinge hängt, neben der Tür, vielleicht mit einem Foto von dem Haus, in dessen Haustür er vor der Flucht oder Vertreibung gepasst hatte, dem Heim der Flüchtlingsfamilie. Die Kinder kennen die Geschichte vom Schlüssel und von dem Haus der Familie, dem Eselstall im Hof und den Oliven- und Mandelbäumen im Garten. Die Kinder hier im Aida Flüchtlingslager wachsen mit den Erinnerungen der Großeltern, mit der Geschichte zu diesen Schlüsseln auf.

Wir befinden uns in einem der drei Flüchtlingslager von Bethlehem, dem Aida-Camp. Heute ist der 15. Mai, Naqba-Tag und in diesem Jahr ein besonderer, der 60. Gedenktag der Katastrophe der Palästinenser. Während Israel ausgelassen sein Jubiläum der Staatsgründung feiert, trauert Palästina.

Es war nicht leicht, hierher zu kommen, nicht weil der Weg schwer zu finden war; das Flüchtlingslager ist in einer Viertelstunde Fußweg von unserer Wohnung aus zu erreichen. Sondern weil einige Leute aus der Gruppe, mit der wir verabredet waren, beschlossen hatten, statt zu der Gedenkfeier zu der Demonstration des Widerstandes nach Beit Sahour zu fahren. Dort haben heute früh israelische Siedler, in berechneter Provokation der trauernden Palästinensischen Nation ein Grundstück in Beit Sahour besetzt, das die Israelische Armee vor einiger Zeit geräumt und der Stadtverwaltung von Beit Sahour und Bethlehem übergeben hatte. Ein Park, Spielplätze, ein Gemeindezentrum sollten dort gebaut werden, die Bauschilder standen schon, die EU als Sponsor auf den Schildern. Die Siedler waren bewaffnet, sie sind bei ihren Aktionen immer zum Kampf bereit. Als erstes haben sie die Bauschilder zerstört. Palästinenser, die sich nach der gewaltsamen Besetzung durch die Siedler heute früh dort versammelt hatten, wurden von Israelischer Grenzpolizei abgedrängt. Ein Rechtsanwalt, der sich zum Sprecher des spontanen Protestes gemacht hatte, war verhaftet worden. Wir standen im Büro vom Holy Land Trust und besprachen die Situation. Unser Team der Ökumenischen Begleiter hat sich gegen die Fahrt nach Beit Sahour entschieden und stattdessen wie geplant den Weg ins Aida Flüchtlingslager genommen.

Jetzt fliegen die Luftballons, die „den Himmel über Palästina schwarz färben“ sollen, als Ausdruck der Trauer. Sie fliegen, 21.915 Ballons, vom Wind getrieben, nach Osten. Es ist je einer für jeden Tag der „Naqba“, der Katastrophe. Kinder in schwarzen Hosen und mit der Aufschrift „1948“ auf den schwarzen T-Shirts, kommen aus dem Jugendzentrum, Bündel von Luftballons in den Händen, jeweils einen Zettel tragend mit der Schilderung von Details der Schicksale der Familien hier im Flüchtlingslager. Die Bündel mit ihren Geschichten steigen auf und brechen den blassblauen Himmel auf. Die Erwachsenen schauen ihnen nach, ihre Minen zeigen nicht, was sie denken.

An dieser Stelle muss ich meine ganz eigene Erinnerung an die letzten Luftballons nennen: Vor genau 2 Wochen habe ich Luftballons fliegen sehen, auf der Hochzeit unseres jüngsten Sohnes. Rote Luftballons, von fröhlichen Menschen in den Himmel geschickt, mit kleinen Zetteln und Wünschen für die beiden Hochzeiter. Der Wind trug die Ballons hoch hinauf und aus dem grünen Garten in Babelsberg über Potsdam weg in die Havellandschaft... Was für ein Kontrast zu der Demonstration des Schmerzes, die wir hier im Aida Flüchtlingslager im Palästinensergebiet haben.

Wir werden in den nächsten Tagen immer wieder mit der Frage an sie herantreten: Wie lange glauben sie, wird es brauchen, bis die Gerechtigkeit, von der alle Slogans handeln, sich durchsetzen wird. Gebt uns unsere Häuser wieder! Lasst uns zurückkehren in unsere Dörfer! Anerkennung und Wiedergutmachung des Unrechts an Palästinensern gegen die Anerkennung Israels! Gebt uns Gerechtigkeit und ihr werdet Frieden finden! Das sind die Slogans dieser Tage.

Zwei kleine Jungs streiten sich, weil sich ihre Bündel Ballons verhakt haben, sie werden handgreiflich, eine ältere Schwester greift ein und schlägt vor, dass sie ihre verhakten Bündel zur gleichen Zeit los lassen. Das tun sie. Ein dicklicher Junge versucht, mit seinen Ballons hoch zu springen und zu fliegen, was Lachen bei den Umstehenden auslöst. Ein älterer Mann, der mit anderen Männern an einer Mauer lehnt, fängt einen Ballon auf, der schlapp gemacht und abgesunken ist. Verlegen macht er drei Schritte auf die Kinder zu und gibt seinen Fang an sie ab. Unter dem riesigen Schlüssel haben sich die größeren Jungs mit Fahnen versammelt, sie tanzen und singen. Auch eine Doppelreihe Mädchen hat sich zum Tanz bereit gemacht, die Gesichter leuchten, die Fahnen flattern im Wind. Es ist eine große Stimmung. Ich glaube, diese Kinder werden sich noch als Erwachsene an diesen Tag und die Aktion mit den schwarzen Luftballons erinnern. Hoffentlich haben sie dann bessere Aussichten auf ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden, als ihre Eltern es heute haben. Hoffentlich findet der Schlüssel– der die Inschrift trägt: „nicht zum Verkauf“ – seine Tür zur Gerechtigkeit und schließt sie auf.

Monday, August 13, 2007

Zum Israelsonntag, 12. August 2007

Israel braucht Kritiker

Singt Gott das neue Lied, singt laut! Mit diesem Motto aus Psalm 33 sollen wir den diesjährigen Israelsonntag feiern. Ja! Es geht um Gott und wie wir ihn gemeinsam in der Welt bezeugen, Christen und Juden. Gott loben, darin finden wir Gemeinsamkeit. Und was die Gemeinsamkeit stört, darüber dürfen wir streiten.

Der reale Staat Israel
Israel, der reale Staat Israel – Israel muss an diesem Tag thematisiert werden. Dieser Staat Israel ist kein Lob Gottes vor den Völkern. Das Judentum, das dieser Staat Israel nach außen darstellt, schafft Gott keine Freunde, nicht unter seinen Nachbarn und nicht in der Gemeinschaft der Völker. Die Völker kommen heute nicht nach Zion, um seinen Gott zu loben. Ich sage: Dieses Israel braucht Kritiker, keine falschen Freunde, die die Augen vor dem Unheil, in das es läuft, verschließen.

Anders als unsere reformatorischen Väter sehen wir heute „Israel“ nicht als das abgestrafte alte Volk Gottes. Anders als die Protestanten des 19 Jahrhunderts sehen wir „die Juden“ nicht als Objekt christlicher Mission. Wir sehen Israel als Gottes Modell und als Partner für unser Bekenntnis zu Gott in einer gottlosen Welt. Und das reale Israel, wie alle Versuche, einen Gottesstaat auf Erden zu errichten, verdient dabei unsere kritische Aufmerksamkeit.

Engagiertes Hinsehen
Israel braucht Kritik, nicht blinde Zustimmung zu seiner selbstzerstörerischen Politik. Ich schreibe das, nachdem ich zweimal im Friedensprogramm des Weltkirchenrates in Israel/Palästina mitgearbeitet habe, insgesamt ein halbes Jahr lang. Ich war in Jerusalem, in seinem Westen, seinem Osten und seinem Umland, jenseits der Sperranlage, in den abgeschnittenen Vororten und Nachbarstädten. Ich habe das Leiden der Menschen in diesem Land gesehen und sie lieben gelernt. Gott sei Dank!

Ich stand da, wo morgens um 5 Uhr die ersten tausend Männer und einige Frauen darauf warten, durch die Sperre gelassen zu werden, die Israel durch das Land gezogen hat. Ich habe die demütigenden Prozeduren erlebt, denen sie dort unterzogen werden. Ich habe versucht, zu helfen, wenn Palästinenser abgewiesen wurden: Kranke, die in ihre Krankenhäuser in Ostjerusalem, Pilger, die zum Freitagsgebet zur Al Aqsa Moschee oder Menschen, die einfach Arbeit in der Stadt suchen wollten. Ich habe ihre tiefe Frustration zu spüren gekriegt. Und ich habe dort auch Menschen getroffen, die verzweifelt versucht haben, an einen Weg aus diesem Zustandes suchen. Gott sei Dank!



Traumatisiert
Ich habe junge Soldaten gesehen, die dabei von Angst und Aggressivität und Offiziere, die vom Gefühl der Macht geleitet wurden. Ich habe Menschen unter der Belastung leiden sehen, die jede Besatzungsmacht prägt: Väter, die ihre Söhne nicht mehr verstehen und Kinder, die das Schweigen der Väter über ihre Kriegserlebnisse nicht mehr aushalten. Aber ich habe auch Kriegsdienstverweigerer gesehen, die den Mut haben, dafür ins Gefängnis zu gehen. Und Mütter, die sich jeden Morgen aufmachen, um die jungen Soldaten an den Kontrollpunkten auf mindestens faires Verhalten zu verpflichten. Gott sei Dank!

Ich habe Menschen erlebt, die sich gegenüber stehen, die getrennt in einem Land aber in zwei traumatisierten Gesellschaften leben. Menschen die geprägt sind von Angst vor- und Hass gegeneinander; die die Eskalation von Tat und Folge erleben, aber nicht rational zu ihren Anfängen zurück verfolgen; die fatalistisch oder aggressiv in die nächste Runde steigen, weil niemand ihnen den Weg aus dem Trauma weist. Völker, die ihr Trauma kultivieren - und Nachbarn, die sich auf die eine oder die andere Seite stellen? Wo soll da Hilfe herkommen? Aber ich habe auch Menschen erlebt, Israelische Soldaten und palästinensische Freiheitskämpfer, die ausgestiegen sind, die miteinander reden und die dafür werben, dass auch andere aussteigen und miteinander reden. Und Väter und Mütter, die um Gefallene, um Opfer von palästinensischen Selbstmordattentaten und von israelischen Erschießungskommandos trauern; die sich zusammentun: Israelis und Palästinenser, weil Trauer nicht trennen muss, sondern auch einen kann. Diese Menschen zeigen den Weg aus dem Trauma. Es gibt sie. Gott sei Dank!

Israelische Freunde
Ich bin befreundet mit Israelis, die als Führer und Pädagogen im großen Gedächtnis-Mahnmal, in Yad VaShem arbeiten und die sich daneben für eine Gedächtniskultur Israels engagieren, in der auch die Zerstörung von arabischen Dörfern und die Vertreibung von Palästinensern erinnert werden. Befreundet mit Israelis, die sich gegen die Vernichtung der Kultur der Beduinen und ihre Zwangsumsiedlung in Lager einsetzen. Ich habe mit ihnen gemeinsam Chanukka, Schawuot, den 9. Aw oder einfach den Beginn des Sabbat gefeiert – oder neben ihnen gestanden bei ihren Mahnwachen. Es gibt mutige Israelis. Gott sei Dank!

Noch ein Wort zu meinen israelischen Freunden. Sie haben verschiedene politische Ansichten. Sie setzen mit der Kritik bei Konzepten des Zionismus ein oder mit der falschen Entscheidung zur fortdauernden Besatzung der Palästinensergebiete oder bei der Militarisierung der Gesellschaft. Diese Freunde wollen nichts davon hören, dass ich als Deutscher sage: Ich als Deutscher… Nein!, sagen sie, Du musst das Trauma der Deutschen Schuld überwinden, sonst bist du uns nichts nutze! Sie geben mir das Recht, hier als Mitmensch und als Christ zu schreien: Israel braucht Kritik, nicht vornehmes oder ängstliches Wegschauen. Und sie trauen uns das zu, gerade uns Deutschen. Gott sei Dank!

Kommt, lasst uns streiten! Gott loben, das ist unsere, der Juden und der Christen gemeinsame Mission in der Welt. Der Jüdische Staat Israel, der sich nicht vom Trauma seiner langen Vorgeschichte trennen kann, braucht unsere Solidarität. Jerusalem und Israel, die Stadt und das Land der Gotteserfahrungen, die das alte Israel, die die Christenheit, die der Islam dort gemacht haben – sie brauchen unser Gebet. Sie brauchen unsere Kritik.
Denn Gott braucht ein neues Lied.

Vereidigung von Soldaten vor der Klagemauer

Friday, July 13, 2007

Brief zum Portrait

Jerusalem, 07.07.2007
Guten Morgen, liebe Nini!
Wie ich sehe, hast Du eben die Mailbox geöffnet. Und vielleicht seid Ihr ja noch dabei, das Kamel, das ich Euch heute morgen mitgeschickt habe, zu betrachten. Ob es Paula gefällt, das Kamel?

Israelsonntag
Ich habe gerade die Antwort an Frau K. geschrieben und zugesagt, dass ich am 12. August den Gottesdienst in Blankenfelde übernehmen werde. Am 12. August werden wir, dem Kirchenkalender folgend, den Israelsonntag feiern. Das ist traditionell der Sonntag, an dem die evangelischen Kirchen und Gemeinden über ihre Wurzeln im Judentum oder, anders gesagt, über ihre Beziehungen zum Judentum nachdenken. Eine Zeit lang hieß das, Martin Luther folgend, sich das Beispiel der Bestrafung Israels mit der zweimaligen Zerstörung des Tempels vor Augen zu führen. Im 19. Jahrhundert wurde die Liturgie als Aufruf zur Judenmission genutzt. Und heute gerät der Gottesdienst an diesem Tag dann zu einem Gottesdienst in Solidarität mit dem modernen Israel. So ändern sich die Zeiten! Die Solidarität mit den Juden, die auf eine lange Geschichte von Ab- und Ausgrenzung, Verfolgung und schließlich die Schoa zurückblicken, will ich mitmachen. Aber ich bringe auch die scharfe Kritik am Staat Israel aus meiner Arbeit hier vor Ort mit: an seiner Besatzung Palästinas. Wie soll das, die Solidarität mit den Juden und die Kritik am Staat zusammen gehen in einem Gottesdienst? Warum muss ich hier ständig begründen, dass ich zweimal parteilich bin, sowohl auf der Seite der Juden, die nach ihrer langen Geschichte von Ausgrenzung hier die Chance suchen, ihr eigenes, ein sicheres Land zu finden; als auch auf Seiten der Palästinenser, die tägliche Diskriminierung, Unterdrückung und Demütigung erleiden. Wer bin ich, dass ich mich nicht einfach auf die eine oder die andere Seite stellen kann?

Skizze
Neben mir liegt eine Skizze, mit Kugelschreiber gezeichnet, mit einem Porträt von mir. Die Skizze ist gestern entstanden. Und die Geschichte dazu muss ich erzählen. Gestern war das vorletzte Konzert in einer Reihe, die hier in den letzten Tagen unter dem Titel „Sounding Jerusalem“ veranstaltet worden war. Gestern fand das Konzert im Kloster der Franziskaner statt, beim Neuen Tor, dort wo wir die gute Falaffel gegessen haben. Es war wunderbare Musik, ein Quartett von Mozart, ein Trio von Carl Maria von Weber und das Trio für Violine, Cello und Klavier in Es-Moll von Schostakowitsch.

Gespräch mit Israelis
Nach der Pause war ich mit den beiden Nachbarn, einem älteren Ehepaar, ins Gespräch gekommen. Sie hatten gefragt, wer ich sei, was ich hier mache. Ich habe, während ich die erste Antwort gab, die Skizze auf der Rückseite des Programms gesehen, das der Nachbar in der Hand hielt und höflich gefragt, wen er da gezeichnet habe. Na Sie!, war die Antwort. Ich habe um die Skizze gebeten und sie auch erhalten. Leider war das Gespräch sehr schnell an dem Punkt, wo wir uns nicht klar verständigen konnten, sie, die Israelis aus Tel Aviv – "what occupation?" – und ich, Besucher mit der Aufgabe kritischer Begleitung der Opfer der Besatzung. Das Wort „Frieden“ hat auf beiden Seiten einen schlechten Klang, für Israelis heißt es meist Verzicht auf Sicherheitsmaßnahmen und für Palästinenser Unterwerfung unter die Teilung und Besatzung ihres Landes. Das lässt sich nicht vermitteln.

Schostakowitsch, Trio für Violine, Cello und Klavier
Es war schon nach der Pause und wir mussten das Gespräch unterbrechen. Dann spielten die Musiker das Trio Nr. 2 für Violine, Cello und Klavier. Ein wunderbares Stück, in dem Schostakowitsch den Sieg über die Nazis, aber auch das Leiden der Menschen aufnimmt. Er tut das mit einer jiddischen Melodie im dritten Satz und das ist, wie gesagt, tief bewegend. Wenn Du mir diese Musik besorgen könntest, Nini, bis ich nach Hause komme, würdest Du mich glücklich machen. Es gibt selten so sensible und schmerzhafte Musik. Sie hat mich an Smetana erinnert, an das Quartett, in dem er die Violine seinen Ohrton aufnehmen lässt. Schostakowitsch hat diese Musik 1944 komponiert, für seine Freunde gut erkennbar als Kritik am Stalinismus; aber er hat ironischerweise dafür den Stalinorden umgehängt gekriegt. Die Musik ist also so etwas wie eine Darstellung des Leidens an den Ohren derer vorbei, die für das Leiden mit verantwortlich sind. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass unsere schmerzlich disharmonische Debatte, was Frieden in diesem Land bedeutet, zwischen uns hing, während die Musik von Schostakowitsch den Raum füllen wollte.

Fortsetzung des Gesprächs mit Israelis
Na, und das erste, was die Nachbarin tat, als der Beifall für die Musiker abgeklungen war: Sie wandte sich mir zu und fragte, ob irgendjemand von uns und irgendjemand in der Welt nach dem entführten israelischen „jungen Mann“ fragt – sie sagte nicht „Soldaten“ – , er heißt Gilad Schalit. Aber selbstverständlich, versuchte ich zu sagen... Jedenfalls war sie, auf eine schmerzlich dichte Weise im Sinne von Schostakowitschs Musik, am Thema geblieben, das uns dann aber mehr auseinander trieb, als verband. Wir verabschiedeten uns herzlich und höflich, ich mit der Skizze in der Hand und mit dem Gefühl, dass ich ihnen etwas schulde und nicht wusste, was. Ich vergaß sogar, ihnen „Schabat Schalom!“ zu wünschen, und es war doch Freitag Abend.

Portrait
Erst draußen vor dem Kloster, am Neuen Tor, nahm ich das Programmblatt in die Hand und betrachtete aufmerksam die Rückseite. Die Skizze zeigt mich im Profil, aber ich erkenne meinen Bruder Michael, als würde er neben mir sitzen. Nie hätte ich gedacht, dass unsere Ähnlichkeit, ansonsten doch verloren gegangen, im Profil immer noch vorhanden ist. Was mich am meisten bewegt: Hier hat mich ein Fremder, der mich als Hörer schöner Musik beobachtet hat, gezeichnet. Das ist doch ungewöhnlich, noch nie hat mich jemand gezeichnet. Warum hier, im Konzert im Franziskanerkloster in der Jerusalemer Altstadt?

Über der Klagemauer
Ja, und mit dieser Begegnung habe ich den Abend noch nicht abgeschlossen, sondern habe mit Tina die verabredete Tour durch die Altstadt gemacht, um einige Fotos von Orthodoxen Juden auf dem Weg zur Klagemauer zu machen. Du kennst ja den Weg und hast mit mir an derselben Stelle gestanden: über der Klagemauer. Man steht dort im Jüdischen Viertel über einer kleinen Moschee und einem der letzten Wohnhäuser, die dort von den ursprünglicheren Häusern stehen geblieben waren und die auch noch zum muslimischen Viertel gehören. Tina, die mit mir war, zeigte mir die Terrasse, auf der sie vor 2 Wochen gestanden hatte; das war auf einer Pressekonferenz gegen Hausabrisse gewesen. Die Veranstalter, Israelis gegen die Zerstörung von Häusern, hatten an die Geschichte des Marokkanischen Viertels erinnert, das hier bis 1967 gestanden hatte und am letzten Tag des Sechstagekrieges vollkommen zerstört und abgetragen worden ist. An seiner Stelle wurde dann der Platz vor der Klagemauer geebnet. Die Bewohner, zum Teil Nachkommen von Marokkanern, die hier, wie Armenier, Griechen und spanische Juden in anderen Vierteln gewohnt hatten, mussten in Flüchtlingslager ausweichen. Während der Pressekonferenz hatten Kinder der jüdischen Siedler, die hier in das muslimische Viertel vordringen, Klumpen von nassem Toilettenpapier auf die Presseleute geworfen. Solche Ereignisse sind wie eine Erinnerung daran, dass hier unterschwellig ein Krieg weiter geführt wird. Bei den Orthodoxen Juden heißt das „Wiederherstellung Jerusalems“.

Ende des Tages
Tina und ich waren in dem Augenblick mehr daran interessiert, die Atmosphäre dort unter uns, die nächtliche Szene vor der Klagemauer in Fotos einzufangen, Beten und Tanzen. Und dann sind wir nach Hause auf den Ölberg gegangen, wie so oft buchstäblich mit dem letzten Bus, und haben das Essen, das ich schon vorbereitet hatte, als echtes Nachtmahl gegessen.

So hat mein Abend ausgesehen und vielleicht verstehst Du, warum ich vorhin am Telefon so empfindlich bei der Frage war, warum dieses Jahr noch weniger als letztes Jahr auf meine Berichte reagieren, geschweige denn inhaltlich auf sie eingehen. Das versetzt mich noch mehr in den Abstand, in den diese verrückte heillose Heilige Stadt einen zur scheinbar heilen Welt in Europa stellt. Wer bin ich
Dann habe ich geschlafen und hatte heute früh den Eindruck, als hätte ich die ganze Nacht nur geträumt, von Israelis, denen ich Antworten schulde und von Leuten, die in unser Programm eingeführte werden wollen und von Wegen, die ich suche und verliere und weiter suche. Es war wie eine Tour durch eine Stadtlandschaft mit der Frage „wer bin ich“. Einmal war ich sogar mit Roller Skates unterwegs, brach das aber ab, um mein Fahrrad zu holen, denn die Strecke ging bergauf und ich fand, da war ich mit den Roller Skates zu langsam und bergab, fand ich, sollte ich mich bei der wichtigen Mission, die ich hatte, als Anfänger nicht wagen. Ich hätte ja nicht mal gewusst, wie ich bremsen kann… Warum Roller Skates im Traum, wo ich noch nie so was an meinen Füßen hatte? Wir hatten auf dem Heimweg zwischen Klagemauer und Damaskustor in der engen, schon verlassenen und noch nicht aufgeräumten und gereinigten Gasse einen Jungen gesehen, der uns leichtfüßig auf Roller Skates entgegenkam und hinter uns wie ein Geist verschwand, so schnell war er. Und dann tauchte er erst in meinem Traum wieder auf.

Und ein neuer Tag: Demonstration für Beduinen
Okay, das war die Nacht. Und jetzt fange ich den Tag an. Tlago und Dudu haben einen freien Tag. Mit Tina fahre ich nach Susya, dort ist eine Demonstrations-Tour angesagt, von drei Israelischen Organisationen veranstaltet. Wir wollen dabei unsere Solidarität mit den Beduinen von Susya, südlich von Hebron zeigen. Die Beduinenfamilien sollen ihre Zelte auf ihrem eigenen Land, die den israelischen Behörden gemäß nicht genehmigt sind, abbrechen, während ganz in der Nähe die jüdischen Siedler auf Land, das ihnen nicht gehört, wohnen bleiben dürfen. Das ist nach internationalem und israelischem Recht illegal. Den Beduinen hilft das aber gar nichts. Die Armee, die dort vor Ort das Sagen hat, beschützt die Siedler, nicht die Beduinen. Wir waren vor einigen Wochen im Supreme Court dabei gewesen, als das vorläufige Urteil mehr gegen, als für die Beduinen gesprochen worden war. Und darum wollen wir auch heute dabei sein, wenn unsere israelischen Partner diese Tour machen. Für mich ist diese Tour schon ein Teil dieser letzten Wochen bzw. Tage, in denen wir noch einmal aufnehmen, was wir gesehen und getan hatten und dabei auch die Entwicklung wahrnehmen, die wir begleitet haben. Sicher ist, heute wird es heiß und die Landschaft dort ist schon auf halbem Weg in die Negev-Wüste. Ich erzähle Euch deshalb davon, weil Tobias bei den Beduinen war und von ihrer Kultur so begeistert erzählt hat. Es wäre wirklich schön, wenn die beiden an einem solchen Tag mit mir wären, so wie sie bei der letzten Demonstration in Tel Aviv dabei waren.

Grüße
Jetzt wünsche ich Euch einen schönen Tag, auch bei Euch wird schon die Abschiedsstimmung mitschwingen, wir ich annehme. Tobias und Yaara werden die letzten Tage genießen, bevor sie wieder nach Hause fliegen, nach Tel Aviv. Hier wartet Pnina schon auf sie. Und ich will sie ja auch gleich besuchen.
Sicher erlebt Ihr in Blankenfelde und Berlin die gemeinsamen Tage ähnlich intensiv, wie ich hier meine Tage in Jerusalem. Lasst es Euch gut gehen und genießt die Zeit miteinander, ich wäre gern bei Euch oder hätte Euch gerne hier. Und das ist jetzt jedenfalls kein Brief für Paula, sondern für Euch drei Große, auch wenn ich fürchte, dass Tobias und Yaara bei meinen Beschreibungen des Gesprächs im Konzert, dem Besuch im ehemaligen Maghrebinischen Viertel und der Demonstration in Susya anders empfinden, als ich und vielleicht schon bei meiner Wortwahl stöhnen. Vielleicht ist es diesmal ein Brief in Moll, und ein anderer in Dur muss folgen.
Alles Gute,
Dein Gottfried

Tuesday, July 03, 2007

Jerusalem, Al Quds, Die Heilige Stadt


Lieber Jürgen!
Schon lange will ich Dir diesen Brief schreiben. Aber die brennende Situation hier ließ ein ruhiges und gelassenes Nachdenken, wie ich dafür brauchte, nicht zu.
Es geht mir darum, eine Brücke zu suchen zwischen den Erfahrungen mit der Spiritualität der Stille und dem Trieb, mit Aktion und Engagement sich die Liebe Gottes verdienen zu wollen. Vom ersten verstehst Du mehr, vom zweiten weiß ich was. Das sage ich natürlich selbstironisch, wissend, dass Du das nicht gelten ließest. Wenn wir hier beide zusammen wären, wäre das einfacher zu diskutieren. Wir könnten zwischendrin auch lachen.
Ich will also heute von meiner Abscheu gegen den Titel, den diese Stadt Jerusalem trägt, abweichen, so als wärest Du neben mir und ich hätte Dir meine Bilder gezeigt und würde mir Deine zeigen lassen. Du wirst kaum in den nächsten Tagen her kommen können. Also nehme ich Dich jetzt mit, in Gedanken. Und ich bitte Dich, dafür meinen letzten Bericht über die Freitagsgebete in dieser Heiligen Stadt zu lesen. Da ist er, der Titel Jerusalems, der mich so stört: Heilige Stadt.

Das Kamel
Du erinnerst Dich an meine erste Geschichte über das Kamel? Ich hatte seinen Auftritt hier oben auf unserer Straßenkreuzung beschrieben. Dabei hatte ich mich über das Kamel lustig gemacht. Immerhin erscheint es doch anachronistisch, wenn ein Kamel in seiner ernsthaften und übertrieben würdevollen Haltung bei Rot über die Kreuzung schreitet. Und dann hatte ich noch den Vergleich mit all den geistlichen Würdenträgern angestellt, die hier auch wie eine ferne Erinnerung aus dem Mittelalter, noch früher: aus der byzantinischen Zeit!, durch die Straßen und Gassen wehen. Anachronistisch eben, wie mir schien. Aber jetzt bin ich beim Kamel zuhause gewesen und muss mich fast entschuldigen. Denn das Kamel ist ein sehr sympathisches Tier, wenn man sich erstmal auf seine Natur einlässt. Es sind die Touristen, die die Nachfrage nach exotischen Fotos auf dem Rücken des Kamels schaffen. Das Kamel möchte vielleicht ernst genommen werden und es hätte uns was zu sagen, wenn wir nur zuhören würden. Aber lassen wir endlich das Kamel in Ruhe. Du kannst die Geschichte ja nachlesen.

Ich war in einigen dieser uns Protestanten so fremden Kirchen. Ich hätte nie gedacht, dass es mir so gut tun würde, dort die Enge und die Geschwätzigkeit meiner Welt für einige kostbare Augenblicke zu verlassen.

Bei den Armeniern
Ich war zum Beispiel bei den Armeniern. Ihre große Kirche wird für die Nachmittagsvesper geöffnet. Ich war einige Minuten früher da und dachte, das wird nichts, da ist ja niemand. Ich habe mich auf eines der kleinen Bänkchen vor der Säule gesetzt. Es gab da eine unscheinbare kleine Empore, auf der saß ein Mann. Er blätterte in einem großen Buch, ohne uns da unten zu beachten. Unvermittelt begann er zu singen. Daraufhin füllte sich der Chorraum mit Mönchen und Seminaristen. Die verteilten sich auf zwei Gruppen und respondierten dem Liturgen am Altar und dem Lektor am Lesepult. Manchmal waren es zwei unterschiedliche Antworten, die den Gebetsrufen des jeweiligen Liturgen folgten. Ich konnte der Liturgie nicht einmal in Grundzügen folgen, sondern nur raten, welche Teile der Bibel gelesen wurden, welche Gebete gesungen wurden. Die Sprache war Armenisch und die Liturgie offensichtlich sehr alt, mit Gesängen in Kirchentonarten, aber auch mit einigen neueren Melodien. Ich brauchte es auch gar nicht zu wissen, es reichte, mich darauf verlassen, dass hier eine alte und erprobte Feier durchgeführt wurde. Es war, wie wenn in diesem alten dunklen Gemäuer mit den unendlich vielen Öllampen unsichtbare Fenster geöffnet würden; als ob der Blick frei gegeben würde auf etwas, was man sonst nicht sieht. Es war, ganz einfach gesagt, ein schöner Gesang nach einer fremden Ordnung. Ich konnte mich dem hingeben. Eine halbe Stunde – dann war das vorbei. Die Seminaristen, die Mönche, der Priester verschwanden.
Ein Mann, der offensichtlich seine klerikale Kleidung abgelegt hatte, trat zu uns und führte uns durch die Kirche, erzählte von den Armeniern, die sehr früh schon nach Jerusalem gekommen waren; auch von Zeiten unter der Türkenherrschaft, wo es ihnen nicht gut ging, wo sie zum Beispiel keine Glocken läuten durften. Sie schlagen noch heute an eine große Holzplatte, die im Kirchenhof hängt, um zum Gottesdienst zu rufen. Auch die Führung durch die Kirche dauerte nicht lange. Und ich konnte gehen – ruhiger, als ich gekommen war.
Heute habe ich einen Anlass, von den Armenischen Christen zu erzählen: Heute ist es genau 1706 Jahre her, dass die ganze, damals große und angesehene Armenische Nation zum Christentum übergetreten war.

Die große Stille
Dann war da der Deutsche Ökumenische Kirchentag von Jerusalem. Mit dem Motto des Kirchentages in Köln hieß es auch hier: Lebendig, Kräftig und Schärfer. Ich will nur von dem Abend erzählen, an dem wir in der Deutschen Erlöserkirche den Film über die Karthäusermönche gesehen haben. Es ging um das Wort von der Ruhe, die dem Volk Gottes noch zugesagt ist. Der Hinweis auf die Ruhe geht dem anderen Hinweis auf die Lebendigkeit, Kraft und Schärfe des Wortes Gottes voraus. Der Film hat den Titel: „Die große Stille“. Bestimmt kennst Du ihn. Er zeigt das Leben der Mönche, die schweigen. Die Jahreszeiten kommen und gehen, man hört den Schnee fallen, Hähne krähen, Dielen knarren, man hört sogar die Knochen der alten Mönche, wenn sie sich nach langen Minuten aus der knienden Haltung aufrichten. Man hört die Glocken, die zum Gebet rufen und die Blätter der Bücher, in denen sie lesen, diese strengen Mönche. Aber die Mönche schweigen. Der Film ist sehr einfühlsam und gleichzeitig mit großem Humor gemacht. Oft muss man lachen. Auch das leise Lachen der Zuschauer hört man dann, und das Knarren der Stühle im Vorführraum, also der Kirche und ab und zu Geräusche der Stadt. Ansonsten sieht man aber das schweigsame Leben und Beten der Mönche. Und man sieht auch hinter der großen Leinwand, die aus vier Bettlaken zusammengenäht quer vor dem Altarraum gespannt hängt, man sieht dahinter den realen Altar, wenn das Licht gerade auf ihn fällt, auf den Blumenstrauß und die weißen Kerzen und das Kreuz. Oder man sieht die Säulen, die hier Chor und Kirchenschiff verbinden. Man sieht immer nur Teile dieses schönen ruhigen Baues. Und auf einmal erscheint dieser Bau wunderschön und gesammelt und würdevoll. Der Film hat keine Handlung, er dauert zwei und eine halbe Stunde und doch war ich keine Minute lang müde. Ich kann sagen: Ich war bei den Karthäusermönchen. Zwei und eine halbe Stunde Stille in einer Kirche, die sonst nur still ist, wenn keine Menschen darin sind. Die wohltuende Stille, die dem Sturm und dem Beben und dem Kriegslärm draußen in und vor der Stadt folgt.

Der Gesang der Benediktiner
In der Erlöserkirche saß abends auch der Abt der Benediktinerabtei. Auch er sah sich diesen Film über die Karthäuser in dem Kloster in den französischen Alpen an. Die Benediktiner halten ihrerseits in Jerusalem den Ort, an dem Jesus, der Überlieferung nach natürlich, mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl gehalten hat.
Am nächsten Morgen – es war so früh, dass ich den fast einstündigen Weg zu Fuß laufen musste – war ich dort zur Morgenmesse. Danach waren wir zum Frühstück eingeladen. Es gab Hefekranz, den ein österreichischer Franziskaner, ebenfalls zu Besuch, mitgebracht hatte. Und nun kann ich sagen: Ich war auch bei diesen streng gewandeten heiligen Männern, den Benediktinern, zuhause. Sofort war ich mit ihnen mitten in der Messe, die ich diesmal verstand, weil sie ja auf Deutsch gesungen wurde und sich wenig von unserem eigenen Abendmahlsgottesdienst unterscheidet. Und da es einen Zettel mit Ablauf und Texten gab, konnte ich auch mitsingen. Wie viel habe ich hier und da in meinem Leben schon von Benediktinern gehört, ihre Kirchen besichtigt, auf ihren Wiesen gezeltet. Aber hier konnte ich mich auf die Spiritualität ihrer Feier einlassen.
An der Stelle muss ich wieder sagen, dass ich doch die ganze Woche, die vor dieser Morgenvesper lag, in verschiedenen Veranstaltungen mit Palästinensern oder kritischen Israelis verbracht, dass ich fünf Tage lang intensiv der 40-jährigen Besatzung Palästinas gedacht hatte, dass ich im Flüchtlingslager, an den Kontrollpunkten, im Gerichtssaal und in den Bussen war, die mitten in Jerusalem angehalten und einer rüden Ausweiskontrolle unterzogen werden. Es war eine ganz und gar politische Woche gewesen. Aber hier saß ich in einer Feier, die darauf mit keinem Wort einging. Es sei denn, man nimmt die alten Psalmen und Bibelworte ernst und vertraut darauf, dass sie auch in dieser Situation aktuell sind, ohne dass jemand das auslegen und den Zusammenhang klug nachweisen muss. Die Benediktiner sind stolz auf ihre alte Tradition, sie nehmen diese Feier mit großer Gelassenheit wahr, sie singen schön, sie bewegen sich würdevoll.
Beim Friedensgruß und beim Abendmahl gibt der Abt den Gruß und die Sakramente an zwei der Mönche weiter, die sie ihrerseits den nächsten geben, einer nach links und einer nach rechts, bis jeder ihn empfangen und weitergegeben hat. So wird vielleicht die Idee dargestellt, dass Gott sich den Menschen vermittelt, von Mensch zu Mensch, aber auch von Generation zu Generation. Aber die Bewegungen sind gelöst und getragen, Hast und Ängstlichkeit oder andere Anstrengung bleibt außen vor. Es war schön und wieder hatte ich hinterher das Gefühl, dass ich einen Ausflug in eine Sphäre getan hatte, in der Hoffnung und Sehnsucht nach Gerechtigkeit und nach Heil, die in dieser geteilten Stadt so offensichtlich nicht wachsen können, eine Nische des Überlebens finden.
Tja – es war wohltuend, warum will ich mich da rechtfertigen.

Mehr Begegnungen will ich nicht erzählen. Sonst leidet auch dieser Bericht an der Geschwätzigkeit und an dem Hang, Empfindungen rational filtern zu wollen, wo sie doch auch ohne das ihre Aufgabe erfüllen. Ich war der letzte in der Runde in der Benediktinerabtei, also gebe ich den Friedensgruß aus der Benediktinerabtei jetzt an Dich weiter.

Unheilige Heilige Stadt
Lieber Jürgen, eigentlich wollte ich über die Spannung schreiben, in der ich diese Stadt erlebe. Sie muss ständig ihren alten und überlasteten Titel als heilige Stadt rechtfertigen und ist doch so geprägt vom Unheil seiner Bewohner. Sie könnte ohne diesen Titel viel leichter leben. Auch die Zukunft dieser Stadt im Konfliktfeld der israelisch-palästinensischen Frage wäre leichter zu finden ohne den Anspruch, den derzeit jede Religion – gegen die anderen Religionen – erhebt, dass nämlich Jerusalem ihr und ihr allein gehören muss. Für die ganze Stadt gilt, was in Bethlehem an der Mauer, die das Palästinensergebiet dort gegen Israel abgrenzt, geschrieben steht: Gott ist zu groß für nur eine Religion.
Über die Spannung schreibe ich nun also nicht. Ich bin zu klein dafür. Aber ich finde mich besser darin zurecht, wenn ich von Zeit zu Zeit die heiligen Männer da besuche, wo sie zuhause sind. Ich will diese Besuche immer noch mit Dir gemeinsam machen. Sie sind wie ein Ausflug in ein anderes Land. Unter anderem habe ich bei diesen Besuchen gelernt: Gott will uns verführen und wir wollen uns verführen lassen. Dieser Brief soll Dich verführen, einen Plan für eine Reise nach Jerusalem zu machen, wo das Kamel Touristen verführt, wo es auch zuhause ist.

Das schreibt Dir Dein Freund aus Jerusalem, Gottfried
Jerusalem, 17.06.2007