Friday, December 15, 2006

Abschied aus Jerusalem

Abschied von Jerusalem
15. Dezember 06

Wie immer bei Abschieden sind es die unerwarteten Ereignisse, die uns ans Herz gehen. Auf vieles sind wir vorbereitet, das soll uns nicht aus der Fassung bringen. Aber da sitze ich im Bus. Zwei Reihen vor mir schauen zwei kleine Augen zwischen den Rücksitzen zu mir. Ein Kindergesicht, für mich nur im Ausschnitt zu sehen. Das Kind tut, was seine Mutter nie tun würde: Starrt mich unverwandt an. Ich zwinkere mit den Augen. Das Kind lacht. Die Mutter sagt was, die Augen werden zurückgezogen. Sie kommen wieder, erwartungsvoll. Ich bewege zwei Finger und die Augen wandern jetzt zwischen meiner Hand und meinem Gesicht hin und her. Es sind wunderschöne Augen, mandelförmig, braun und neugierig. Sie lassen mich nicht los. Und da passiert es: Mir wird klar, wie viel mir fehlen wird, wenn diese Busfahrten, die Wege, die ich gegangen bind, diese Stadt nur noch ein Stück meiner Vergangenheit sein werden. Sie werden mir fehlen, die Menschen, denen ich hier begegnet bin.

Oder ich stehe, um ungestört telefonieren zu können, über dem Hang mit den Olivenbäumen, das Gästehaus hinter mir. Es ist Abend. Die Lichter der östlichen Vorstädte fließen hinunter, in die Richtung des Toten Meeres. Und weit weg und hoch am Himmel, den Sternen näher als der Stadt, werden dünne Streifen von Lichtern erkennbar. Dort oben, jenseits des Jordangrabens, auf den Bergen Moabs, leben auch Menschen, Nachbarn der Israelis und der Palästinenser. Es ist wie ein Gleichnis, das zeigen will, dass auch über der tiefsten Depression, wie die Geologen das Tal 400 Meter unter Meeresspiegel nennen, ein Leben ist, Licht, das von Leben zeugt. Ein schmerzhaftes und versöhnliches Gleichnis. Es fällt mir schwer, es zurück zu lassen.

Am Morgen steige ich endlich auf den Turm der Auferstehungskirche, der mich von Anfang an gerufen hat. Er bildet den höchsten Punkt von Jerusalem und lässt einen weit in die Runde blicken. Ich sehe mich um, in alle Himmelsrichtungen. Bis Ramallah im Norden und bis Bethlehem im Süden kann ich sehen. Großstadt, Vorstädte, all das Chaos einer zu schnell gewachsenen Stadt und Wüste, gelbes Hügelland, das hinab fließt, baum- und strauchlos, karg und schön. Vom Küstenland im Westen, in dem mein Sohn heute Geburtstag feiert, sehe ich nur den Dunst. Aber ich sehe auch den Kontrollpunkt, an dem wir so oft gestanden und gebangt haben, ob die Patienten, die Männer in Arbeitskleidung, die Pilger, die zum Gebet in die Heilige Stadt wollten, ob wir selbst durch gelassen werden. Ich sehe die Soldaten vor mir und spüre das innere Bangen, ob sie gleich ihr freundliches oder ihr angst besetztes Gesicht zeigen. Und ich sehe die Ruinen unter mir, in der letzten Straße vor dem Zaun, der hier bald durch die Mauer ersetzt sein wird.

Diese Ruinen sind frisch. Ihr Anblick bringt mir die Verwirrung meiner Gefühle ins Bewusstsein. Ich war dabei, als dieses Haus abgerissen wurde, als die Soldaten mit ihrem Bulldozer abgezogen wurden, als die Familie zurückkehren konnte. Ich habe Fotos von der Zerstörung gemacht, von den Möbeln und Gerätschaften, die in aller Eile aus dem Haus geräumt und in eine Ecke des Hofes getragen worden waren. Ein Foto ist dabei von der Waschmaschine, in der die Wäsche noch auf den nächsten Waschgang wartet. Wo wird diese Familie Weihnachten feiern? Wem helfen meine Tränen, die der Wind hier oben auf dem Turm der Auferstehungskirche trocknet?

Weihnachten. Ich werde zuhause sein. Aber die Fragen werde ich mitnehmen: Ist Jesus in einer Ruine geboren worden? Oder im Zeitoon-Kontrollpunkt, auf der Durchreise zum Auguste-Viktoria-Krankenhaus, wo die Mutter zu lange warten musste? Solche Fälle hat es gegeben. Sind die Hirten einem Licht gefolgt, das sie für einen Stern hielten und das sie dann zum Gottes- und Menschensohn geführt hat, zu einer unvermuteten Behausung in der lebensfeindlichen Nacht? Und hatte Jesus nicht auch diese schönen Augen, die uns aus den Gesichtern der Kinder hier entgegenblicken, mandelförmig, braun, neugierig und bereit, zu lachen?

Ich werde Weihnachten zuhause feiern. Aber ich werde auch predigen. Ich werde meine Rundumsicht vom Ölberg mitnehmen. Die Geburt Jesu, denke ich, öffnet uns jedes Jahr einen neuen Blick auf unser eigenes Leben und auf das unserer Mitmenschen. Sie lässt uns unsere eigene Geburt und die unserer Kinder in einem neuen Zusammenhang sehen. Das kostbare neue Leben, das uns in der Weihnachtsgeschichte gezeigt wird, weckt unsere Liebe und Fürsorge und unsere Erwartung neu. Das Elend, das wir sehen, wird zur Herausforderung, nicht zur Verzweiflung. So ein Weihnachtsfest braucht dieses Land.

Weihnachten heißt im Arabischen: Eid il-mil’ad, Fest der Geburt. Normalerweise braucht das Wort „Geburt“ keinen Artikel. Aber „die“ Geburt, il-mil’ad, ist die Geburt Gottes. In diesem Sinne werde ich Menschen auch zuhause in Deutschland zurufen können: Eid il mil’ad sa’id – Ein glückliches Fest der Geburt!

2 comments:

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