Friday, July 04, 2008

Groß Israel

10 Agorot
Es ist eine kleine Münze, aber sie hat großen Ärger gemacht, eine Zehner-Münze mit dem Wert von 2 Cent. Sie sieht aus wie ein Groschen, 10 dieser Zehner haben den Wert eines Schekels. Sie zeigt auf der einen Seite die Zahl 10 und den Schriftzug „Agorot“ in hebräischen und in lateinischen Buchstaben. Auf der anderen Seite zeigt sie im Halbkreis von drei Schriftzügen den Staatsnamen Israel, hebräisch, arabisch und lateinisch. Darüber ist sehr klein und kunstvoll das Siegel der Israelischen Bank aufgeprägt, eine Menora von zwei Ähren gerahmt und sehr groß: das Bild.
Das Bild: Eine Menora, der siebenarmige Leuchter und darunter ein Umriss, nicht rund, nicht eckig, einfach unförmig. Aber dieses Bild, das religiöse Symbol des siebenarmigen Leuchters mit diesem Umriss – dieses Bild ist das Ärgernis.

Drecksgeld
Ein palästinensischer Busfahrer hat, als ich ihm 5 dieser 10-Agoroth-Münzen für einen halben Schekel (dem Äquivalent von 50 Agorot) geben wollte, verärgert reagiert: Dreck, nichts wert, das soll ich wieder nach Israel bringen, dort arbeiten sie mit diesem Mistgeld… Der ganze Bus hat gelacht. Aber ich war verunsichert, weil ich schon einige Male unwirsch zurück gewiesen worden war, wenn ich jemandem mit dieser Münze gekommen war. In Ostjerusalem und in Palästina werden nur die Münzen mit dem Wert 1 und 2 und ½ Schekel benutzt. Alle Zahlen hinter dem Komma werden auf halbe oder ganze Schekel auf- oder abgerundet. Der Groschen wird nicht gebraucht.

Zeit für Geschichten
Eines Tages hat mir ein junger Palästinenser die Geschichte erzählt, die Geschichte zum Ärgernis. Wir waren in Abu Gosh zusammen, einem ehemaligen Standort der Israelischen Armee. Das Gelände gehört der Gemeinde von Beit Sahour, einer der Nachbarstädte von Bethlehem, aber die jüdischen Siedler haben ein Auge darauf geworfen. Sie haben einige Wochen lang jeweils vor dem Sabbat versucht, das Gelände zu besetzen. Einige Nichtregierungsorganisationen, vor allem ihre internationalen Freiwilligen, haben im Gegenzug versucht, an Freitagen noch vor den Siedlern dort zu sein, die rassistischen und zionistischen Sprüche der Siedler zu übermalen und das Gelände zu benutzen. Auf dem Gelände will die Stadt Spielplätze, einen Park und ein Kinderkrankenhaus bauen. Die Aktionen sollen zeigen, dass dieses Gelände nicht für neue illegale Siedlungen zur Verfügung steht. An diesem Tag haben wir Bingo gespielt. Etwa 40 Leute waren auf dem kleinen Hügel zwischen den Bauruinen versammelt und haben sich vergnügt. Falls Siedler kommen würden, sollte ein Schild mit der Aufschrift „Bingo: Mitspielen für 2 Schekel“ sie zum Mitspielen einladen. Die Losung hieß: Keine Provokation, keine Handgreiflichkeiten – nur die freundliche Einladung.
Als ich meine 2 Schekel bezahlen wollte, mehr aus Spaß, denn um Geld ging es ja gar nicht, fiel mir eine 10 Agorot Münze aus dem Geldbeutel. Der Palästinenser neben mir, Walid nahm sie mit spitzen Fingern und warf sie mir zu. Und dann erzählte er erst die Geschichte zur Münze und dann die Geschichte zur Geschichte.

Groß-Israel
Was siehst Du? fragte er mich. Sieht komisch aus… Was für ein Umriss ist das? Ein misslungner Pfannkuchen. Guck genau hin! Siehst du die Mittelmeerküste von Libanon bis zum Nil? Echt, das soll die Mittelmeerküste sein? Was ist dann das große Land östlich davon? Na, vielleicht Israel, Palästina, Jordanien? Und Syrien und Irak! Das ganze ist Groß-Israel, dominiert von der Menora. Das ist doch nicht dein Ernst, habe ich eingewendet. Meiner nicht, das ist der Traum der Zionisten, behauptete Walid. Eine so kleine unbedeutende Münze mit dem Traum von einem so großen Groß-Israel? Israel vom Nil bis zum Euphrat? Ja, sagte Walid, die Landkarte von Groß-Israel und die Menora darüber. Die anderen Palästinenser lachten. So ist das hier, sagte die Holländerin, hier haben alle eine Geschichte.

Ein Gastgeschenk
Und dann erzählte Walid die zweite Geschichte. Ein Israeli sei bei ihm zu Hause gewesen, ein Studienfreund. Nachdem der Gast die Toilette benutzt habe, habe Walid im Regal eine 10-Agoroth-Münze gefunden, habe sie dem Besucher gebracht und zurückgeben wollen. Nein nein, habe der gesagt, das sei ein guter Brauch, so wünsche man Freunden Segen für das Haus, die Münze habe eine freundliche Bedeutung. Nimm das mit, das will ich nicht in meiner Toilette haben, hat Walid den israelischen Besucher beschieden und die Geschichte beendet.
Mir wollte Walid mit der Geschichte zur Geschichte bewiesen, dass dies eine kleine feindselige Münze mit dem Traum der Zionisten sei.

Bingo ohne Siedler
Unser Bingospiel ging gut zu Ende. Siedler waren keine gekommen. Einige von uns bedauerten das, schließlich hätte man gern ihre Reaktion gesehen. Die drei Soldaten, die uns beobachten und Verstärkung holen sollten für den Fall, dass die Siedler wirklich wieder auftauchen und beschützt werden müssten, haben von ihrem Kommandeur Weisung erhalten, uns vom Gelände zu schicken, was wir befolgt haben. Einer der Palästinenser hat ihre telefonischen Verhandlungen abgehört. Sie hatten dem Kommandeur den Vorschlag gemacht, uns wegen unerlaubten Glücksspiels zu belangen. Aber so weit wollte der Kommandeur offensichtlich nicht gehen. Er hat wohl befunden, das sei doch ein Spaß von uns, denn der Soldat am Telefon hat ihm beteuert, nein, das sei gar nicht witzig… Der Vormittag war vergnüglich verlaufen, der Sabbat war nahe, keine gewalttätigen Aktionen für die nächsten Tage auf diesem Gelände zu erwarten. Zuhause habe ich den Computer aufgetan und nachgeschlagen.

Die wahre Geschichte
Und da war wirklich die Geschichte: Die Münze hat ihre neuzeitliche Geschichte im Zusammenhang mit dem Wechsel vom israelischen Pfund zum Schekel, ihren antiken Bezug und ihren Skandal.
Als die 10-Agorot-Münze 1988 im Zug einer Währungsreform in Umlauf kam, hat Arafat eine Pressekonferenz einberufen und Israel beschuldigt, mit dieser Münze eine Karte des künftigen Groß-Israel vom Nil bis zum Roten Meer und zum Euphrat in Umlauf zu bringen. Das sei zionistischer Expansionismus. Soweit der Vorwurf, der einen weiten Nachhall in der arabischen Welt hatte.
Die Bank von Israel gab sich ganz überrascht und trat mit dem antiken Vorbild der Agorot-Münze an die Öffentlichkeit. Diese ist für die Zeit um 40 vor der Zeitrechnung belegt: eine Münze, von dem letzten Hasmonäer-König, Mattathias Antigonus II., geprägt. Von dieser alten Münze gibt es Bilder im Nationalmuseum. Da das originale Fundstück nicht mehr neu und leicht beschädigt war, hat es angeblich den Umriss, der jetzt auf der modernen Nachahmung zu sehen ist. Der Umriss ist nicht identisch, der israelische Künstler, der die Münze entworfen hat, hat von seiner künstlerischen Freiheit Gebrauch gemacht. Aber sie sei keine Landkarte. Soweit die Erklärung.

Die Geschichte von dem verräterischen Umriss indessen, sie bleibt lebendig. Sie hat ihre Wahrheit in dem Misstrauen der Palästinenser gegenüber den aggressiven Zionisten, die immer wieder Ölbaum-Plantagen abbrennen, in ihre kleinen Dörfer eindringen, die nahe bei den großen Siedlungen in den besetzten Gebieten liegen und die Vorposten bauen, wo später Siedlungen von der Regierung anerkannt werden sollen. Das Misstrauen wird täglich von Meldungen dieser Art genährt.
Und die heimliche Einlagerung in palästinensischen Toiletten?

5 comments:

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Verrückte Geschichte, und vermutlich wird jeder Aufklärungsversuch über das Missverständnis vom angeblichen "Groß Israel" auf einer Münze erfolglos sein. Man will es so glauben. - Ob, umgekehrt, vielleicht auch die verbreitete Geschichte, man wolle den Staat Israel von der Landkarte löschen usw. usw., ob sie auch so leicht als bloßes Missverständnis aufgeklärt werden kann? M.K. aus Zeuthen